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Studentverbindungen : Frauenverbindung: „Wir sind nicht komischer als andere Fachschaftsclubs“

  • -Aktualisiert am

Auch Frauen schließen sich zu Studentenverbindungen zusammen. Bild: Lisa Hinder

Lange galten Studentenverbindungen als Männerdomäne. Seit gut zehn Jahren ziehen die Damen nach. Doch was steckt dahinter? Emanzipation? Oder Imitation? Unsere Autorin hat die erste reine Damenverbindung Münchens bei ihrem Stiftsfest besucht.

          Der Zipfelbund muss sitzen. Bedächtig knipst Christina das Erkennungszeichen der Akademischen Damenverbindung (ADV) Selenia zu München an ihr Jackett. „Ist der Zipfelbund auf der richtigen Seite?“ Christina ist sich unsicher. Wenn sie oder ihre Kameradinnen Band, Mütze und Zipfelbund, die sogenannte Couleur, tragen, dann muss alles am richtigen Platz sein. „Das Band muss über die rechte Schulter“, erklärt sie, der Zipfelbund gehöre nach rechts ans Jackett, „und die Mütze muss gerade sitzen“. In wenigen Stunden beginnt das 11. Stiftsfest der Verbindung. Zahlreiche kleine Bänder am Zipfelbund erinnern Christina an verschiedene Phasen in der Korporation: eines an ihre Fuxenzeit, die eine Art Probezeit darstellt. Eines an ihr Leitmädel, die bis heute die Rolle einer Mentorin innehat. Aber auch Bänder von befreundeten Verbindungen sind dabei. In einer Verbindung schließe man nicht nur Freundschaften fürs Leben, sondern lerne auch fürs Leben, sagt sie, „denn hier können wir im kleinen Rahmen üben, Verantwortung zu übernehmen und uns aufs richtige Leben vorzubereiten“.

          Christina hat schon vor über elf Jahren Verbindungsluft geschnuppert, weil ihr damaliger Freund Mitglied in einer Männerverbindung war. Damals habe sie sich oft nur als Anhängsel gesehen – und entschloss sich deshalb, der seinerzeit neu gegründeten ADV Selenia beizutreten. Seit die Zahl der Damenverbindungen seit etwa zehn Jahren stetig wächst, gibt es eine Diskussion darüber, ob sie nun ein Zeichen von Emanzipation sind – oder nur eine reine Imitation der Herrenverbindungen. Der Verbindungskritiker Stephan Peters äußert sich eindeutig: „Das ist eine falsch verstandene Emanzipation. Die Damen übernehmen das Brauchtum und die Organisationsform der Herren, sind also schlichtweg eine Kopie und feiern dann ihre Emanzipation.“ Peters war selbst viereinhalb Jahre Mitglied in einer Studentenverbindung in Marburg. Nach seinem Ausstieg schrieb er seine Doktorarbeit über elitäre Strukturen in Korporationen und arbeitet heute als Studiengangmanager, Trainer und Therapeut. Doch die Damen wehren sich gegen Peters’ Statement. Iris Zappel gehört seit 27 Jahren der Akademischen Damenverbindung Helenia Monasteria in Münster an. Sie sieht die Dinge etwas praktischer: „Als Freundin eines Verbindungsstudenten darf man oft viele Aufgaben übernehmen und auch am Verbindungsleben teilhaben. Doch am Ende zählt deine Stimme nicht bei Entscheidungen. In einer Damenverbindung geht es darum, sich zuzutrauen, etwas Eigenes zu machen.“

          Die Organisation, die Bräuche und Traditionen – all das unterscheidet sich bei den Damen- kaum von den Herrenverbindungen. Nur einen Brauch haben die Damen ausnahmslos nicht übernommen: die Mensur, das Fechten. Die Damen sind sich einig: Ein Schmiss im Gesicht schickt sich nicht. Auch für Stephan Peters ist das eine logische Entscheidung: „Wenn man sich den Schläger beim Fechten anschaut, dann braucht man nicht lange, um an ein Phallussymbol zu denken.“ Dass Frauen nicht fechten, scheine vor diesem Hintergrund logisch. Dass aber andere, nicht weniger sichtbare Brauchtümer in Männerverbindungen ähnlich symbolisch aufgeladen seien, scheine den Damen hingegen zu entgehen, kritisiert Peters. Seiner Meinung nach sind Damenverbindungen eine paradoxe Imitation von frauendiskriminierenden Männerverbindungen.

          Der Zipfelbund muss sitzen: Er ist das Erkennungszeichen der ADV Selenia.

          Die Damen der ADV Selenia sehen das naturgemäß anders. Welche Rolle eine Verbindung für sie spielen kann, zeigt das heutige Stiftsfest. Im sogenannten Bardenhaus, einem Gebäude einer befreundeten männlichen Korporation namens „Prager Universitäts-Sängerschaft Barden“, kommen die Mitglieder der ältesten Damenverbindung Münchens zusammen, um ihre Gründung im Jahr 2004 zu feiern – und Christina ist dafür extra aus Spanien angereist. Zwar gehört die 35-Jährige mittlerweile zu den „Hohen Damen“ – also den „inaktiven“ Mitgliedern der Verbindung. Trotzdem ist der Besuch des Stiftsfests für sie Pflicht. „Für mich ist die Verbindung ein Anker. Viele meiner Freunde sind inzwischen weggezogen. Doch zu den Selenias kann ich immer zurückkehren.“ Neue Freundschaften und Kontakte sind auch für Helene, 24, wichtige Gründe gewesen, den Selenias beizutreten. Helene und ihre Schwester Sisi, 21, sind Neuzugänge der Damenverbindung und tragen damit den Titel „Fux“. Gerade Erstsemestern würden die Mitgliedschaft in einer Verbindung und der Kontakt zu erfahreneren Studenten oder Ehemaligen helfen, sich an der Hochschule zu orientieren, betont Sisi.

          Die Farben der Bänder, die die Damen wie eine Schärpe über der Brust tragen, haben eine Bedeutung: Rot steht für die Liebe, Weiß versinnbildlicht die Reinheit, und Schwarz verkörpert Beständigkeit und Eleganz. Wer die Prinzipien der Verbindung nicht aufrechterhält, wird von den anderen Mitgliedern auch schon mal zurechtgewiesen. Anne, 26, aktuelle Seniora der Selenias, erklärt: „Es gibt zwar keinen richtigen Benimmunterricht, aber wenn wir unterwegs sind, dann kommt auch schon mal der Hinweis, man solle nächstes Mal bitte einen etwas längeren Rock tragen.“ Verbindungsstudentin zu sein heißt also auch, Verpflichtungen einzugehen: Bei bestimmten Veranstaltungen herrscht Anwesenheitspflicht, und jedes Mitglied muss einmal eine Charge, also ein Amt, innehaben. Das kann das Amt der Seniora sein, die sich als Kopf der Verbindung vor allem um das Organisatorische kümmert, oder etwa das der Fuxmajora, die die Neuankömmlinge betreut.

          „Gerade bei Damenverbindungen mit vergleichsweise wenigen aktiven Mitgliedern verteilt sich der Stress oft auf wenige Schultern“, sagt Esther Wesemann, die zu den „Hohen Damen“ der ADV Helenia Monasteria in Münster gehört. Demnach, erklärt die 36-Jährige, müsse jeder für sich entscheiden, ob er bereit sei, diese Verpflichtungen einzugehen.

          Liebe, Reinheit, Eleganz: Christina pflegt als „Hohe Dame“ bei der ADV Selenia die Prinzipien der Verbindung.

          Während den beiden Schwestern Helene und Sisi das Verbindungsleben in die Wiege gelegt wurde – ihr Vater war bereits bei einer Herrenverbindung aktiv –, musste Elisa, 30, bei ihren Eltern für den Eintritt in die ADV
          Selenia München etwas mehr Überzeugungsarbeit leisten: „Meine Familie hat mich anfangs noch gewarnt und gesagt, dass ich aufpassen solle, was für Leute das sind. Doch ich habe nie schlechte Erfahrungen gemacht.“ Zwar werde man als Damenverbindung schnell in die Rolle eines Clubs von Feministinnen gedrängt, erklärt Anne, doch: „Emanzipation ist für jede Studentin wichtig, es ist bei uns kein größeres Thema als bei anderen.“

          Und auch andere Klischees wollen die Studentinnen nicht auf sich sitzen lassen. Deshalb wehren sie sich dagegen, in eine politisch rechte Ecke gedrängt zu werden. „Meist entsteht so etwas durch Halbwissen und Gerüchte“, ärgert sich Elisa. „Nur weil wir Bänder in unseren Farben tragen, sind wir doch keineswegs radikal“, ergänzt Sisi. Rechtsextremismus – ein hartnäckiger Vorwurf, vor dem auch Damenverbindungen nicht gewappnet sind, gegen den sie Stephan Peters aber in Schutz nimmt: Zwar gebe es in der Szene immer wieder Personen, die sich nicht eindeutig von rechtem Gedankengut distanzierten. Doch diese Fälle zu verallgemeinern sei eine Unterstellung, „die man erst einmal belegen muss“, so Peters.

          Auch wenn die ADV Selenia eine reine Damenverbindung ist, pflegt sie trotzdem Kontakt zu Herrenverbindungen. Die Devise der 20 Frauen umfassenden Verbindung lautet: Kontakte knüpfen und im Gespräch bleiben. Nur so konnte sich die Verbindung über die Jahre die Akzeptanz im Kreise der männerdominierten Verbindungen erkämpfen. Heute etwa, beim 11. Stiftsfest, sind über 200 Gäste eingeladen – andere Korporationen, „Hohen Damen“ und auch die eigene Familie. „Meine Familie hat inzwischen auch die Leute kennengelernt und keine Vorbehalte mehr“, freut sich Elisa. Man müsse die Verbindung und ihre Mitglieder eben zunächst mal kennenlernen. Spätestens dann komme man, wie sie findet, eindeutig zu der Erkenntnis: „Wir sind nicht komischer als andere Fachschaftsclubs.“

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