https://www.faz.net/-i7g-712c2

Hilfe ist unterwegs: Wie Rettungsingenieure Leben retten : Hilfe, wenn die Erde bebt!

  • -Aktualisiert am

Dies ist die Geschichte einer Katastrophe. Und von Helfern, die von der anderen Seite der Welt aus versuchen, sich den Opfern zu widmen. Sie handelt von einem nüchternen Kontrollraum in Bonn – und vom Rettungsingenieur Nils Uhlenbrock.

          Er weiß nur noch, dass er an gar nichts dachte. Da waren Bilder von zerstörten Häusern, von Leichenteilen, die an Straßenrändern verwesen, und von Hilfskräften, die durch Trümmer eilen. Diese Bilder mischten sich mit Zahlen, Daten, Grafiken und den Stimmen von Nachrichtensprechern. Nils Uhlenbrock versuchte gar nicht erst, das alles emotional einzuordnen.

          Am 12. Januar 2010 um 16.53 Uhr Ortszeit hatte eines der schwersten Erdbeben der Geschichte den südlichen Teil Haitis erschüttert. Und er, der sonst immer nur simulierte Rettungsübungen vorbereiten musste, sollte nun zum ersten Mal Menschen helfen, die wirklich in Not geraten waren.

          Nils Uhlenbrock ist Rettungsingenieur, und die Katastrophenbilder stammen aus einem Einsatz des Technischen Hilfswerkes (THW) in Haiti. Der 28-Jährige war damals nicht vor Ort – aber er organisierte mit zwölf Mitarbeitern die Hilfsmaßnahmen von der Einsatzzentrale in Bonn aus. „Ein Stück weit bin ich dann wie programmiert“, sagt Uhlenbrock und dreht sich auf seinem Bürostuhl leicht hin und her. Über seinem weißen Hemd trägt er ein schwarzes Sakko, die rötlich blonden Haare sind raspelkurz, und sein Dreitagebart lässt ihn älter wirken, als er tatsächlich ist. Sobald er etwas zu sehr in seinem Bürostuhl versackt, richtet er sich wieder auf und faltet die Hände, als müsse er das jungenhaft Studentische ablegen. Von seinem Schreibtisch im zweiten Stock des THW Bonn schaut er auf das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) und in einen Innenhof, den eine kreisförmige Rasenfläche ziert. Hier, bei der Katastrophenschutzorganisation der Bundesregierung, hat Uhlenbrock seit vier Jahren einen Zeitvertrag als Projektleiter.

          Er will nun sein Reich zeigen. Stolz wirkt er, als er mit weiten Schritten und sehr geradem Rücken durch die nüchternen Gänge des schlichten 70er-Jahre- Baues führt. Er grüßt die Kollegen, die sich vereinzelt in den Gängen unterhalten, sagt aber kein Wort zu viel, als müsse er Haltung be-wahren vor denen, die schon länger hier arbeiten und mehr gesehen haben als er. Einige seiner Kollegen waren bei Überschwemmungen in Pakistan, versorgten Flüchtlinge im Sudan, suchten nach von Erdbeben Verschütteten im Iran. In manchen Büros blitzen Bilder von Wildtieren auf, afrikanische Masken hängen an der Wand, gerahmte Fotos von Einsätzen in Katastrophengebie-ten.

          Im vierten Stock führt Uhlenbrock in die Einsatzzentrale. Ein lichtdurchfluteter Raum mit langen Sitzreihen. Hier arbeitete er mit seinen Kollegen beim Haiti-Einsatz, jeder telefonierte und recherchierte unter Strom, oft bis zum nächsten Morgen. Über vier Flachbildschirme Flachbildschirme liefen ununterbrochen Nachrichtensendungen, an den Flipcharts erneuerten sie die Lagepläne, Grafiken, Einsatzpläne. Uhlenbrock saß zwischen den Kollegen, vor sich ein Computer, neben sich ein Telefon. Er recherchierte im Netz nach Informationen zur Lage vor Ort. Wie viele Tote gab es, wie groß war das zerstörte Gebiet, drohte eine weiteres Beben. Dann sprach er mit Botschaften, dem Deutschen Wetterdienst, Hilfsorganisationen, die schon vor Ort waren. So ergab sich ein Bild von der Lage, über das sie sich im Team berieten. Wo gäbe es Möglichkeiten, Trinkwasseraufbereitungsanlagen aufzubauen? Sollten Bergungsteams eingesetzt werden? Sobald es neue Berichte und Informationen gab, lief Uhlenbrock zum Flipchart, grenzte mit dem Kugelschreiber das Katastrophengebiet auf der Landkarte ein oder heftete aktuelle Satellitenbilder an die Tafel. Uhlenbrock war dazu da, die Gesamtlage zu erfassen, andere für die Einsatzplanung oder Personalaufstellung. Zu Hause fiel er nur noch in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

          Rettungsingenieure sind vielseitig ausgebildet und in fast allen helfenden Berufen einsetzbar. Vor allem sind sie Organisations-Spezialisten, die Gefahrensituationen gut einschätzen können. Als sich Uhlenbrock 2005 für den Bachelor-Studiengang Rettungsingenieurwesen in Köln einschrieb, gehörte er zu einem der ersten Jahrgänge. „Es gab einen wachsenden Bedarf an Leuten, die vielseitig ausgebildet sind, gerade im Rettungsbereich.“ In sieben Semestern lernen die Studenten etwa, welche Abwehrmaßnahmen es bei Seuchen und Epidemien gibt und wie man mit den Gesundheitsbehörden zusammenarbeitet; aber auch, wie man mit einem vorgegebenen Budget auskommt, um Einsätze zu planen. Zu Ingenieuren werden sie, weil sie sich unter anderem mit Maschinenbau, Anlagen- und Verfahrenstechnik auseinandersetzen und eine Zeit lang bei Rettungsdiensten und Behörden arbeiten müssen. „Heute weiß ich, warum man all das braucht, auch wenn man am Ende nicht das Gefühl hat, ein klassischer Ingenieur zu sein, der auf einem Gebiet viel Wissen hat.“

          Uhlenbrock führt weiter über Flure mit taubengrauen Teppichen, öffnet eine Glastür zum Hof. Dort zündet er sich eine Zigarette an und inhaliert so tief, als würde er erst jetzt genügend Sauerstoff bekommen. Selbst wenn er nur vom Computer aus Einsätze koordiniert, trägt er genauso viel Verantwortung für die betroffenen Menschen wie die Hilfskräfte vor Ort. Das sind Belastungssituationen. „Man zeigt seine Gefühle hier nicht so“, sagt er, „das ist hier einfach nicht so angesagt.“ Hier draußen wirkt er plötzlich gelöster. Wie ein Kommilitone in der Raucherpause, jemand, der sich nicht beobachtet fühlt. Er kenne es von sich selbst, dass er die Bilderflut aus Einsätzen erst einmal irgendwo in sich einlagert. „Sobald ich frei habe, geh ich dann raus und spiele Basketball oder gehe klettern, irgendetwas mit Bewegung.“ Die Kollegen verarbeiten ihre Erlebnisse in einem gemeinsamen Treffen, das sich „Lessons learned“ nennt. Dort sprechen sie über das, was sie erlebt haben. Wie eine Gesprächstherapie, nur dass jeder von ihnen Zuhörer und Redner gleichermaßen ist.

          Zurzeit plant Uhlenbrock eine groß angelegte Katastrophenschutzübung in Kroatien. Eine simulierte Überschwemmung mit 500 Mitwirkenden, bei der er mit einigen Kollegen die Teams koordinieren muss, den Aufbau der Dach-Attrappen, die im See verankert werden und von denen später die Ertrinkenden gerettet werden, die wiederum von Schauspielern gemimt werden. Dieses EU-Projekt ist eine logistische Herausforderung, und nebenbei lernt er, sich mit den ausländischen Kollegen abzustimmen. Aber das reicht ihm alles nicht.

          Er will wissen, was es heißt, vor Ort zu sein. In einer Katastrophenlage Teams koordinieren, zur Not selbst aus eingestürzten Häusern Menschen retten. Als Rettungsingenieur zieht er jetzt hauptsächlich von seinem Computer aus wichtige Strippen. Um vor Ort internationale Teams leiten und koordinieren zu dürfen, müsste er noch Zusatzqualifikationen erwerben. Deshalb absolviert er neben der Arbeit den Master in Katastrophenvorsorge und -management, ein ebenfalls junges Fach, das grob gesagt die Lehrinhalte des Rettungsingenieurwesens noch intensiviert und Führungskräfte ausbildet. Uhlenbrock verschränkt die Arme. Sein Schultern zeichnen sich unter dem Stoff ab. Er wirkt dynamisch, aber schmal für einen Mann, der in Zukunft einmal Menschenleben retten will.

          Warum will er sich freiwillig immer wieder in Gefahrensituationen begeben, Menschen aus Trüm-mern befreien, Leichen bergen? Er wisse es nicht, sagt er. Nach dem Abitur jobbte er drei Monate lang für eine Nichtregierungsorganisation in Gambia. Brachte Reis in Dörfer, reparierte Rollstühle und half im Krankenhaus. Er erinnert sich an eine Frau, die mit einem offenen Tumor gekommen war. Sie wurde nur notdürftig verbunden, weil es an Behandlungsmöglichkeiten mangelte. „Sie musste unter höllischen Schmerzen leiden“, sagt Uhlenbrock, „aber sie jammerte nicht und küm-merte sich einfach um ihre Besucher.“ Man hört den ernsten Unterton in seiner Stimme. Er hat eine Aufgabe im Leben, einen Glauben daran, das Richtige zu tun, auch wenn er das für die natür-lichste Eigenschaft der Welt hält. „Ich habe einfach gesehen, wo Hilfe notwendig ist und was man tun muss, damit es Menschen besser geht – das ist mir einfach wichtig geworden.“

          Ein paar Monate nach dem Beben in Haiti kamen einige Helfer zurück und berichteten von ihren Erfahrungen vor Ort. Einer von ihnen erzählte, dass er nie zuvor ein Elend von solchem Ausmaß gesehen hatte. Bei anderen Einsätzen war das Katastrophengebiet jeweils kleiner, und die Versor-gungswege waren kürzer; in Haiti lagen die Trümmer und Leichen bis zum Horizont, sagt er. Nichts war mehr da, und überall lag ein süßer Verwesungsgeruch in der Luft. Der Kollege erzählte das fast ein wenig trocken. Als würde er über etwas sprechen, das nichts mit ihm zu tun hat. Doch Uhlenbrock merkte an seinem traurigen Blick, wie betroffen er war. Er weiß noch genau, wie viel Respekt er vor dem Mann hatte.

          Was machen Ingenieure?
          Zu den Elite-Studiengängen der Hochschullandschaft zählen seit vielen Jahren die Ingenieurwissenschaften. Kein Wunder, denn die Branche gilt als krisenfest. 57.000 Hochschulabgänger machten 2010 ihren Abschluss in Feldern wie Maschinenbau, Verfahrenstechnik oder Bauingenieurwesen – und dennoch gibt es einen Überschuss an Stellen. Allein im Februar dieses Jahres konnten mehr als 87.000 Ingenieursstellen nicht besetzt werden. Rettungsingenieure sind als Einsatzkräfte gefragter denn je: „Schätzungsweise 80 Prozent unsere Absolventen finden eine Beschäftigung im Bereich Feuerwehr, Rettungsdienst, Ingenieurbüro oder Industrie“, sagt Professor Dr. Dr. Alex Lechleuthner, Leiter des Institutes für Rettungsingenieurwesen an der Fachhochschule Köln. „Durch die umfassende Ausbildung haben sie Einblicke etwa in Toxikologie oder Thermodynamik und können Brandsituationen einschätzen, aber zu-sätzlich haben sie auch Kenntnisse in medizinischen Gefahrenlagen und Psychologie. Bei einer Rettungs-aktion können sie die Situation oft umfassender bewerten und Hilfsmaßnahmen besser organisieren als ein klassischer Ingenieur.“ Seit 2002 bietet die FH Köln den Studiengang an; in Hamburg kann man das Fach seit 2006 an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) studieren.

          Topmeldungen

          Bayern 3:3 in Amsterdam : „Ein sensationell gutes Spiel“

          Beim 3:3 der Münchner in Amsterdam spielt der Fußball verrückt. Trainer Niko Kovac ist zufrieden. Doch die Partie offenbart einige Baustellen beim FC Bayern. Vor allem einer spricht sie an.
          „Zumindest ist damit das totale Chaos abgewendet worden“: Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD)

          Vor EU-Gipfel in Brüssel : Maas bleibt hart bei Brexit-Vertrag

          Nach ihrem überstandenen Misstrauensvotum will Theresa May das Brexit-Abkommen in Brüssel nachverhandeln – doch dafür sieht die Bundesregierung kaum Chancen. Man sei „auf alles vorbereitet“, sagt der Außenminister.