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Die neuen Jobs in der Versicherungsbranche : Coole Jobs in der Versicherungsbranche? Wir stellen Ihnen vier vor.

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Das Mathe-Genie
Sören Kruse kennt zwei Arten von Katastrophen. Die eine wird abends in der Tagesschau gezeigt: Buschbrände in Australien, ein Taifun. Die andere schafft es nicht in die Tagesthemen, sie schafft es häufig nicht mal in eine indische Lokalzeitung. Diese Art von Katastrophe liegt dann vor, wenn die Geschehnisse in der Welt von den Normalzuständen abweichen. Ernteausfälle, Lieferverzögerungen beim indischen Reishändler. Auch dann muss Kruses Arbeitgeber, die Hannover Re, zahlen – und Kruse neu rechnen. Denn Kruse, 27, ist Mathematiker bei einem Rückversicherer.

Sören Kruse wird zum Aktuar ausgebildet: Er errechnet den Preis von Versicherungen – und die Wahrscheinlichkeit, mit der sein Arbeitgeber zahlen muss.

Eine Rückversicherung versichert Versicherungen. Das klingt kompliziert. Wenn Kruse das auf einer Party erklären soll, sagt er: „Eine Erstversicherung versichert zum Beispiel, wenn ein Auto beschädigt wird. Wir als Rückversicherer kümmern uns darum, dass eine Versicherung auch in den Fällen abgesichert ist, wenn etwa durch eine Flut nicht nur ein Auto beschädigt wird, sondern eine so große Anzahl, dass die Versicherungsgesellschaft diesen Schaden nicht allein tragen kann oder will.“

Kruse arbeitet im Lebensbereich seiner Rückversicherung. Das heißt, er kümmert sich weniger um kaputte Autos als vielmehr um die Lebensversicherungen der sogenannten Erstversicherer. Er ist zuständig für den indischen Markt, weil er während seines Mathematikstudiums für drei Monate in Manipal war, einer Uni-Stadt an der indischen Westküste. Gerade hat er noch eine berufsbegleitende Ausbildung zum Aktuar begonnen. So werden Versicherungsmathematiker genannt. Die Ausbildung dauert noch einmal drei Jahre, aber das ist es ihm wert: Aktuare werden gesucht. Wenn Kruse von seinem Arbeitsalltag spricht, kann es passieren, dass es für Außenstehende zynisch klingt. Denn Schicksale von Kranken und Toten werden schlicht umgewandelt in Zahlen und fließen ein in riesige Datenbanken, mit denen Mathematiker wie Kruse Wahrscheinlichkeiten ausrechnen. Am Ende steht eine zentrale Zahl. Diese markiert den Preis, für den die Hannover Re bereit ist, das Risiko zu übernehmen. Wenn etwa eine indische Telefongesellschaft ihre 3.000 Mitarbeiter versichern möchte und sich, um das Risiko abzusichern, an die Hannover Re wendet, brauchen Kruse und seine Kollegen zunächst möglichst viele Daten über den Versichertenbestand. Der Männeranteil der Firma beträgt 74 Prozent, das Durchschnittsalter ist 35. Dank Sterbetafeln und Raucher-Statistiken weiß er, dass dort ein 35-jähriger Raucher 1,992-mal wahrscheinlicher stirbt als ein 35-jähriger Nichtraucher. Er muss die Gehälter kennen, den Bildungsstand, den Familienstatus. „Je mehr Details wir über die Versicherten im Portfolio kennen, desto präziser werden unsere Analyse und die Bestimmung der richtigen Prämienhöhe.“ Dann berechnen sie die wahrscheinliche Entwicklung des Portfolios: Wie viele Arbeiter sterben in den nächsten fünf Jahren? Und in zwanzig? Selbst große Unwahrscheinlichkeiten berechnen sie mit ein, etwa den Ausbruch einer Pandemie. Kruse trägt meist Anzug, obwohl der Kontakt zu seinen indischen Kollegen übers Telefon läuft. Die viereinhalb Stunden Zeitverschiebung sorgen mitunter für stressige Morgenstunden, und manchmal knirscht es beim Aufeinandertreffen von indischem und deutschem Verständnis von lückenloser Statistik. Aber Kruse, der Mathematiker mit Schwerpunkt Stochastik und Statistik, sagt: „Ich habe eine Stelle erwischt, die schon sehr viel von dem hat, was zu mir passt.“

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