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Egoismus : Können nur Egoisten Karriere machen?

BWL-Student Maximilian Grund ist sicher: Reiner Egoismus schadet der Karriere, doch rein demokratische Entscheidungen könnten seiner Ansicht nach in Unternehmen auch selten die besten sein. Die Frage ist also: Handeln karrierebewusste Mitarbeiter aus einem individuellen, rein vom Streben nach dem eigenen Vorteil getriebenen Egoismus heraus? Oder orientieren sie sich an einem unternehmensbezogenen Egoismus, der Durchsetzungsvermögen, unangenehme Entscheidungen verlangt, aber stets versucht, allein im Sinne der Firma zu handeln?

Genau diese Unterscheidung trifft auch Jens Weidner. Der Aggressionsexperte und Ratgeberautor hält einen individuellen Egoismus in Firmen für keinesfalls empfehlenswert. „Ihn bringen immer noch viele Menschen mit, sie nehmen sich zu wichtig, doch dieser Weg ist der Karriere hinderlich“, sagt der Professor für Kriminologie und Erziehungswissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, denn: „Kein Chef will solche Leute in seinem Team, und kein Kollege will mit Menschen zusammenarbeiten, die andere übervorteilen.“

Egoismus im Job: Der kollegiale Egoist ist gut für jede Firma

Den kollegialen Egoisten hingegen hält Weidner für wunderbar. „Wenn ich in einem Team an einem Projekt arbeite, dafür brenne und es bestmöglich zum Erfolg bringen will, dann ist das ein positiver, projektbezogener Egoismus.“ Viktor Nagel sieht das ähnlich. Der 26-Jährige studiert BWL im 5. Semester. „Wer etwas erreichen will, muss sich auch mal durchsetzen“, glaubt er – aber eben nicht zwingend auf unfaire Weise und eben nicht nur mit Blick auf den eigenen Vorteil, sondern zugunsten der Sache. Seine Generation habe die Chance, in Unternehmen Hierarchien aufzubrechen, die Menschen mit Ellenbogen förderten.

Mephisto oder Gutmensch? Wie viel Egoismus nutzt der Karriere?

„Karriere und Egoismus haben in unserer Generation eine andere Bedeutung als früher“, sagt Nagel. Der typische Student von heute ist nicht zwingend an der bestmöglichen Position und nicht allein am bestmöglichen Gehalt orientiert. Er gibt anderen Dingen mehr Raum, will etwas Sinnvolles tun. Svenja Hofert teilt diese Einschätzung aus ihren Gesprächen mit jungen Akademikern. „Die neue Generation will Freiheit, Spaß, innere Motivation. Aufstieg und Status bedeuten nicht mehr so viel wie früher“, so Hofert, und der angehende Wirtschaftsingenieur Benjamin Schwegler hofft, „dass die neue Generation ins Berufsleben eine neue Linie bringen kann, die mehr auf den Teamgedanken setzt“. Aber sicher kann man nie sein: weder, ob in Unternehmen nicht doch mehr auf Ellenbogen gesetzt wird, als manch ein Student sich das aktuell erhofft; noch, ob das mit Hilfe einer vermeintlich anderen Werten verpflichteten Generation gelingen kann; noch, wie sich denn, abgesehen von Praktika, herausfinden lässt, wie Unternehmen mit Blick auf Egoismus ticken.

Karriereplanung: Gutmensch und Mephisto in einem

Und genau diese Unkenntnis führt zu der angesprochenen Unsicherheit. „Es gibt immer noch ausgesprochene Ellenbogenkulturen“, warnt Regina Bergdolt. Deshalb müssten sich Studenten in der Karriereplanung die Frage stellen, wie viel Leistungs- und Führungsmotivation, wie viel Verträglichkeit und Durchsetzungsvermögen, wie viel Egoismus sie mitbrächten. „Das kann man sehr gut mit Persönlichkeitsprofilen messen“, so Bergdolt. Auf Grundlage der Ergebnisse können Studenten nach Unternehmen und Stellen suchen, die zu ihrem Profil passen. „Fragen Sie herum, lesen Sie Karriereseiten, forschen Sie in Plattformen zur Arbeitgeberbewertung“, rät sie. Und vor allem: „Suchen Sie sich den passenden Chef!“ Viele Bewerber seien in Vorstellungsgesprächen deutlich zu zurückhaltend.

Wie viel Egoismus ist nun also gut für die Karriere? Aggressionsforscher Weidner empfiehlt den Berufseinsteigern, zu 80 Prozent Gutmensch zu sein und sich den Rest für ganz besondere Fälle aufzuheben. „Die restlichen 20 Prozent Mephisto sollten für jene reserviert sein, die dir schaden wollen.“

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