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Mach dein Ding! : Der passende Job

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„Das ist sonst reine Beschäftigungstherapie.“ Eine Wienerin, die nach dem Abi genau wusste, dass sie später nicht „in einem Kammerl am Schreibtisch sitzen will“, studiert irrsinnigerweise BWL, fängt dann in der Marketingabteilung eines Konzerns an und wechselt in eine Unternehmensberatung. Ein Dürener mit einer großen Leidenschaft fürs Theater studiert Jura und bewirbt sich dann in zahlreichen Kanzleien, obwohl er freiwillig niemals eine juristische Fachzeitschrift in die Hand nehmen würde. Glaubitz kennt viele solcher Beispiele. Menschen, die in einen Beruf schliddern, der nichts mit ihren eigentlichen Vorlieben zu tun hat. „Eine Weile mag das gutgehen. Vor allem dann, wenn man trotzdem erfolgreich ist. Aber früher oder später lässt sich die fehlende Begeisterung nicht ignorieren.“ Dann werde der Job zur Pflichtveranstaltung, für deren Teilnahme man sich jeden Tag aufs Neue überwinden müsse. Um das zu vermeiden, rät Glaubitz zur Recherche in der eigenen Vergangenheit: In welcher Situation habe ich außergewöhnliche Energien mobilisiert? Für welche Aktivität bin ich einmal frühmorgens freiwillig aufgestanden? „Die Antworten auf diese Fragen führen zwar in aller Regel noch nicht direkt zum konkreten Traumjob. Aber sie geben Hinweise auf eigene Motivationen und mögliche berufliche Tätigkeitsgebiete.“

Einer, der im Laufe seines Studiums eine recht klare Vorstellung entwickelt hat, was er beruflich einmal machen möchte, ist Paul Bethke. Er hat in Edinburgh, Lüneburg und Paris Volkswirtschaft studiert, weil er die Zusammenhänge in der Weltwirtschaft verstehen wollte. Wie hängen die verschiedenen Märkte zusammen? Wie funktioniert die Wirtschaft in Entwicklungsländern, wie in Industrieländern? Warum ist Armut und Reichtum so ungerecht verteilt? Solche Fragen beschäftigten ihn. Im Zuge dessen kam er darauf, dass man für die Schwachen etwas tun müsste, und entwickelte den Wunsch, in der Entwicklungshilfe zu arbeiten. Sein erster Job führte ihn 2006 nach Sri Lanka, wo damals Bürgerkrieg herrschte. Bethke war als Koordinator für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (heute GEZ, damals GTZ) tätig und als solcher mit dem Wiederaufbau Sri Lankas nach der Tsunami-Katastrophe Ende 2004 beschäftigt. Doch nach wenigen Monaten warf er das Handtuch. „Mir wurde klar, dass es bei der Entwicklungshilfe in erster Linie gar nicht darum ging, den Menschen dort wieder auf die Beine zu helfen, sondern um eine Profilierung der Industrieländer als Wohltäter.“ Dementsprechend sei in den Berichten, die sein Arbeitgeber erstellte, von den Effekten der Hilfe nie die Rede gewesen. „Im Vordergrund stand das Geld, das man ausgegeben hatte.“

Bethke wollte es anders machen – „raus aus diesem Mit-dem-weißen-Jeep-durch-die-Gegend-Fahren-und-Weihnachtsmann-Spielen“. Damals kam ihm die Idee für Lemonaid, jenes Unternehmen, das er heute gemeinsam mit zwei Freunden führt. Ziel war es, ein Getränk zu entwickeln, das Gutes tut, weil es fair gehandelt wird. Anders ausgedrückt: Die Bauern, die in Entwicklungsländern die Rohprodukte herstellen, sollten nicht – wie sonst üblich – ausgepresst, sondern ordentlich bezahlt werden. Und das Produkt sollte sich natürlich verkaufen, obwohl es teurer sein würde als andere.

Um eine solche Firma aufzubauen, brauchte Bethke Mitstreiter. Auf einer Party traf er zufällig seinen alten Schulkamerad Jakob Berndt, der gerade aus Asien wiederkam, wo er über eine berufliche Neuorientierung gegrübelt hatte. Zudem erinnerte er sich an seinen ehemaligen Lüneburger Kommilitonen Felix Langguth, der kürzlich seinen Job in einer Unternehmensberatung gekündigt hatte. Die beiden zögerten nicht lange, als Bethke ihnen von seiner Idee erzählte. Berndt, der Markenstratege, hatte einen Job mit mehr Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit gesucht, Langguth, der Arbeitsprozessoptimierer, einen mit mehr Freiheit. Jetzt haben sie genau das, was zu ihnen passt.

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