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Mach dein Ding! : Der passende Job

  • -Aktualisiert am

Bild: Stefan König

Der Arbeitsmarkt, das Image des Unternehmens, die Wünsche der Eltern – viele Hochschulabsolventen richten ihre Berufswahl nach äußerlichen Dingen, anstatt auf die eigenen Talente und Leidenschaften zu schauen. Auf Dauer geht das nicht gut:

          Der Erste, Jakob Berndt, interessiert sich für Markenstrategie. Der Zweite, Paul Bethke, ist ein Weltverbesserer. Der Dritte, Felix Langguth, optimiert gerne Arbeitsprozesse. Drei Menschen um die dreißig, drei ganz verschiedene Charaktere. Aber eines haben sie gemein: Sie machen ungern Kompromisse. Sie hatten einen Job, der zwar sicher war, aber irgendwie nicht erfüllend. Sie haben sich die Frage gestellt, was sie wirklich wollen im Leben, und dann die Konsequenzen gezogen.

          Jakob Berndt hat in Lüneburg Kulturwissenschaften studiert. Als er anfing, wusste er noch nicht, wohin ihn das einmal führen könnte. Ein Berufsziel hatte er nicht. Das Fach vereinte sein Interesse für ein ganzes Sammelsurium aus Freigeistigem und Anwendbarem, nämlich für Medien, Popkultur und Filmtheorie auf der einen Seite, Betriebswirtschaft auf der anderen. Darum hat er es gewählt. Während des Studiums jobbte er im PR-Bereich von Werbeagenturen und wurde nach dem Examen von einer großen Hamburger Agentur übernommen. Dort arbeitete er in der strategischen Planung. Wo soll es mit einer Marke langfristig hingehen? Wie tickt die Zielgruppe? Solche Fragen beschäftigten ihn. Und interessierten ihn auch. „Markenführung ist ein spannendes Feld“, sagt er. Aber aus zwei Gründen fühlte er sich in seinem Job trotzdem nicht am richtigen Platz. Zum einen fehlte es ihm an Sinnhaftigkeit. „Ich will einen Beitrag zu einer ökologischeren und gerechteren Gesellschaft leisten. Werbung für Autokonzerne zu machen passt nicht wirklich gut dazu.“ Zum andern entfaltete seine Arbeit für seinen Geschmack zu wenig Wirkung.

          „Da machst du dir viele Gedanken, wälzt Studien und führst Interviews mit Vertretern der Zielgruppe. Aber am Ende ist es total latte, was du dem Kunden präsentierst. Da entscheidet dann der CEO des Autokonzerns aus dem Bauch, wie die Marke kommuniziert werden soll.“ Drei Jahre arbeitete Berndt in der Werbeagentur. Dann wollte er nicht mehr. Er kündigte und fuhr zur Neuorientierung erst einmal drei Wochen nach Asien.

          Welcher Job passt zur mir? Die Frage, mit der sich Berndt fern der Heimat auseinandersetzte, ist Heinrich Wottawa zufolge eine existentielle. Wottawa ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Bochum und Experte auf dem Gebiet der Eignungsdiagnostik. Wie man herausfindet, welcher Job zur eigenen Persönlichkeit und zu den eigenen Fähigkeiten passt, ist einer seiner Schwerpunkte. Wottawa sagt: „Der falsche Beruf kann einem das Leben ruinieren.“ Darum rate er jedem, der merkt, dass er sich nicht in der richtigen Spur befindet, sofort gegenzusteuern. „Man sollte dann nicht denken: Ich halte lieber zwei Jahre durch, weil das im Lebenslauf besser aussieht.“

          Was will ich auf der Welt wirklich? Seine Lebensziele zu formulieren hält Wottawa für den wichtigsten Schritt überhaupt auf dem Weg zu beruflicher Zufriedenheit. Leider richteten sich viele Studenten und Hochschulabsolventen weniger nach persönlichen Faktoren als nach Einflüssen von außen. „Die Erwartungen der Eltern, die Lage auf dem Arbeitsmarkt, gesellschaftliches Image oder der Name eines Unternehmens – häufig spielt das bei der Berufswahl eine viel zu große Rolle.“

          Von Wahl kann oftmals gar nicht die Rede sein. Uta Glaubitz, Berufsberaterin in Berlin und Autorin des Bestsellers „Der Job, der zu mir passt“, sagt: „Bei vielen Menschen rührt die berufliche Unzufriedenheit daher, dass sie sich nie wirklich entschieden haben. Erst wollten sie sich möglichst lange alle Optionen offenhalten. Und dann geraten sie mehr oder weniger zufällig irgendwo rein.“
          Wie beispielsweise Felix Langguth. Er hatte nach dem Examen kein festes Ziel vor Augen. Er hat Sozial- und Wirtschaftswissenschaften studiert und lange damit geliebäugelt, eine wissenschaftliche Karriere an der Uni anzustreben. Als er merkte, dass sich das kaum realisieren lässt, bewarb er sich für ein Volontariat in einer Agentur für Politikberatung – „weil dort zumindest teilweise wissenschaftlich gearbeitet wird“. Langguth bekam die Stelle und arbeitete daraufhin unter anderem an Berichten über die Zukunftsperspektiven von Regionen mit, die von der Agentur im Auftrag von Ministerien verfasst wurden. Nach einem guten halben Jahr stellte er überrascht fest, dass ihm das wissenschaftliche Arbeiten gar nicht so viel Spaß machte wie immer gedacht. „Ich hatte irgendwann keine Lust mehr, einsam am Schreibtisch zu sitzen und Studien auszuwerten.“

          Drei Motive: Macht, Leistung, Anschluss


          Langguth schaute sich in Online-Börsen nach einer neuen Stelle um. Was er dort las, passte nie hundertprozentig zu ihm, fand er. Schließlich landete er in einer mittelständischen Unternehmensberatung. Firmen sanieren, Businesspläne für Start-ups schreiben, Arbeitsprozesse optimieren – inhaltlich gefiel ihm der Job gut. „Aber mit den Unternehmensstrukturen kam ich auf Dauer nicht zurecht.“ Was ihn störte, war vor allem der patriarchalische Führungsstil des Firmeninhabers. „Darum habe ich nach drei Jahren den Job geschmissen.“

          Berufsfindung durch Ausprobieren – dem Eignungsdiagnostiker Wottawa zufolge kann man sich das ersparen. Er hat Tests entwickelt, die Schulabgängern oder Studenten helfen sollen, den zu ihrer Persönlichkeit passenden Beruf zu finden. Drei Motive bilden dabei die wichtigsten Kategorien: Macht, Leistung, Anschluss. Von allen drei gibt es eine positive und eine negative Variante, die zudem sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Positiv gewendet äußert sich das Machtmotiv in der Feststellung: „Ich gestalte gerne selbst.“ Das negative Pendant lautet: „Ich lasse mir nicht reinreden.“ Die positive Variante des Leistungsmotivs lautet: „Ich suche den Erfolg und will besser sein als andere.“ Die negative Form hingegen äußert sich in der Feststellung: „Ich darf nichts falsch machen.“ Was schließlich das Anschlussmotiv angeht, lautet dessen positive Wendung: „Ich arbeite gerne mit anderen zusammen“; die negative: „Ich möchte nicht, dass mich andere nicht mögen.“

          Führungskraft oder Spezialist?


          Was nun lässt sich mittels dieser insgesamt sechs Kategorien ermitteln? Zum Beispiel, ob sich jemand als Führungskraft eignet oder besser als Spezialist in der Entwicklungsabteilung eines Unternehmens aufgehoben ist. Eine Führungsposition erfordert laut Wottawa, dass man überdurchschnittlich stark darauf aus ist, selbst zu gestalten und besser zu sein als andere; dass man zudem nicht besonders viel Wert auf Anschluss legt – „vor allem nicht in dem Sinne, dass man von allen gemocht werden will“. Wer hingegen als IT-Experte eines Konzerns arbeiten wolle, der dürfe kein ausgeprägtes Machtmotiv haben. „Er sollte zwar durchaus leistungsmotiviert sein – allerdings sollte sein Anreiz in erster Linie darin liegen, möglichst keine Fehler zu machen. Besser zu sein als andere ist für einen Experten, dem sowieso keiner reinreden kann, nicht so wichtig.“

          Macht, Leistung und Anschluss sind zwar die wichtigsten, aber längst nicht die einzigen Motive, die Wottawa in seinen Eignungstests abfragt. Softskills wie Frustrationstoleranz. Kommunikations- und Anpassungsfähigkeit spielen ebenfalls eine Rolle. Wer weiß, wie er tickt, was er kann und was ihn antreibt, weiß auch, in welchen Strukturen er sich am wohlsten fühlt. Bin ich besser in einem Konzern, in einem kleinen Unternehmen oder gar als Selbständiger in meinem eigenen Laden aufgehoben?

          Konzernmenschen, sagt Wottawa, müssen zeitlich und örtlich flexibel sein. Sie reisen oft und arbeiten lang. Wer viel Wert auf Geld und Prestige legt, fühlt sich in einem großen Unternehmen vermutlich wohler als in einem kleinen. Zudem müssen Konzernmenschen mit anonymen Strukturen zurechtkommen. Rationalität im Umgang mit Mitarbeitern ist ihnen wichtiger als der direkte Kontakt mit dem Chef. Zugleich dürfen sie nicht den Anspruch haben, Großes bewegen und gestalten zu können. Vielmehr sollten sie damit umgehen können, dass sie nur einen kleinen Verantwortungsbereich haben und alles mit dem Vorgesetzten abstimmen müssen. Anpassungsfähigkeit ist das A und O.

          In einem kleinen Unternehmen hat man einen größeren Gestaltungsspielraum. Das klingt gut, erfordert Wottawa zufolge aber auch, dass man eigenmächtig handelt, anstatt auf Anweisungen von oben zu warten. Der Einzelne fällt mehr auf – und seine Arbeit mehr ins Gewicht. „Zudem ist die Abhängigkeit von Einzelpersonen größer.“ Während im Konzern für die objektive Einschätzung von Mitarbeitern auf Assessmentcenter zurückgegriffen wird, entscheidet im Kleinunternehmen häufig der persönliche Draht zum Chef über den weiteren Karriereverlauf. Eigeninitiative ist ein absolutes Muss.

          Für was stehe ich morgens freiwillig auf?


          Das gilt natürlich auch für Selbständige. Sie müssen Wottawa zufolge stark leistungsmotiviert sein und dürfen keine Angst vor Misserfolgen haben. Zudem müssen sie sich vermarkten können. Kontaktfreude ist eine wichtige Voraussetzung. Ein großes Sicherheitsbedürfnis hingegen ein No-Go. Auf den Punkt gebracht, heißt das: Wer Freiheit mehr schätzt als alles andere, dürfte sich in seinem eigenen Unternehmen am wohlsten fühlen.

          Die richtigen Strukturen sind das eine Kriterium für den passenden Job, die richtigen Inhalte das andere. Beraterin Glaubitz fokussiert bei der individuellen Berufsfindung, die sie anbietet, auf Letztere. Im Gespräch mit ihren Kunden identifiziert sie deren Stärken und vor allem deren Leidenschaften. Denn die würden viele Menschen bei der Berufswahl merkwürdigerweise total vernachlässigen. „Es gibt die verbreitete Auffassung, dass Arbeit weh tun muss. Nach dem Motto: Qualität kommt von quälen.“ Viele ihrer Kunden hätten ein bestimmtes Studium, Praktika und Fortbildungen angefangen, weil sie glaubten, dass sie sich im Lebenslauf gut machten. Oder weil ihre Eltern das für sinnvoll erachteten. Doch dieses aktionistische Sammeln vermeintlich relevanter Qualifikationen habe weder Hand noch Fuß, solange man nicht sein ganz individuelles Berufsziel formuliert habe.

          „Das ist sonst reine Beschäftigungstherapie.“ Eine Wienerin, die nach dem Abi genau wusste, dass sie später nicht „in einem Kammerl am Schreibtisch sitzen will“, studiert irrsinnigerweise BWL, fängt dann in der Marketingabteilung eines Konzerns an und wechselt in eine Unternehmensberatung. Ein Dürener mit einer großen Leidenschaft fürs Theater studiert Jura und bewirbt sich dann in zahlreichen Kanzleien, obwohl er freiwillig niemals eine juristische Fachzeitschrift in die Hand nehmen würde. Glaubitz kennt viele solcher Beispiele. Menschen, die in einen Beruf schliddern, der nichts mit ihren eigentlichen Vorlieben zu tun hat. „Eine Weile mag das gutgehen. Vor allem dann, wenn man trotzdem erfolgreich ist. Aber früher oder später lässt sich die fehlende Begeisterung nicht ignorieren.“ Dann werde der Job zur Pflichtveranstaltung, für deren Teilnahme man sich jeden Tag aufs Neue überwinden müsse. Um das zu vermeiden, rät Glaubitz zur Recherche in der eigenen Vergangenheit: In welcher Situation habe ich außergewöhnliche Energien mobilisiert? Für welche Aktivität bin ich einmal frühmorgens freiwillig aufgestanden? „Die Antworten auf diese Fragen führen zwar in aller Regel noch nicht direkt zum konkreten Traumjob. Aber sie geben Hinweise auf eigene Motivationen und mögliche berufliche Tätigkeitsgebiete.“

          Einer, der im Laufe seines Studiums eine recht klare Vorstellung entwickelt hat, was er beruflich einmal machen möchte, ist Paul Bethke. Er hat in Edinburgh, Lüneburg und Paris Volkswirtschaft studiert, weil er die Zusammenhänge in der Weltwirtschaft verstehen wollte. Wie hängen die verschiedenen Märkte zusammen? Wie funktioniert die Wirtschaft in Entwicklungsländern, wie in Industrieländern? Warum ist Armut und Reichtum so ungerecht verteilt? Solche Fragen beschäftigten ihn. Im Zuge dessen kam er darauf, dass man für die Schwachen etwas tun müsste, und entwickelte den Wunsch, in der Entwicklungshilfe zu arbeiten. Sein erster Job führte ihn 2006 nach Sri Lanka, wo damals Bürgerkrieg herrschte. Bethke war als Koordinator für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (heute GEZ, damals GTZ) tätig und als solcher mit dem Wiederaufbau Sri Lankas nach der Tsunami-Katastrophe Ende 2004 beschäftigt. Doch nach wenigen Monaten warf er das Handtuch. „Mir wurde klar, dass es bei der Entwicklungshilfe in erster Linie gar nicht darum ging, den Menschen dort wieder auf die Beine zu helfen, sondern um eine Profilierung der Industrieländer als Wohltäter.“ Dementsprechend sei in den Berichten, die sein Arbeitgeber erstellte, von den Effekten der Hilfe nie die Rede gewesen. „Im Vordergrund stand das Geld, das man ausgegeben hatte.“

          Bethke wollte es anders machen – „raus aus diesem Mit-dem-weißen-Jeep-durch-die-Gegend-Fahren-und-Weihnachtsmann-Spielen“. Damals kam ihm die Idee für Lemonaid, jenes Unternehmen, das er heute gemeinsam mit zwei Freunden führt. Ziel war es, ein Getränk zu entwickeln, das Gutes tut, weil es fair gehandelt wird. Anders ausgedrückt: Die Bauern, die in Entwicklungsländern die Rohprodukte herstellen, sollten nicht – wie sonst üblich – ausgepresst, sondern ordentlich bezahlt werden. Und das Produkt sollte sich natürlich verkaufen, obwohl es teurer sein würde als andere.

          Um eine solche Firma aufzubauen, brauchte Bethke Mitstreiter. Auf einer Party traf er zufällig seinen alten Schulkamerad Jakob Berndt, der gerade aus Asien wiederkam, wo er über eine berufliche Neuorientierung gegrübelt hatte. Zudem erinnerte er sich an seinen ehemaligen Lüneburger Kommilitonen Felix Langguth, der kürzlich seinen Job in einer Unternehmensberatung gekündigt hatte. Die beiden zögerten nicht lange, als Bethke ihnen von seiner Idee erzählte. Berndt, der Markenstratege, hatte einen Job mit mehr Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit gesucht, Langguth, der Arbeitsprozessoptimierer, einen mit mehr Freiheit. Jetzt haben sie genau das, was zu ihnen passt.

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