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Mein ist dein : Wenn man seine Kleidung leiht, nicht kauft

  • -Aktualisiert am

Pola Fendel und Thekla Wilkening, die Gründerinnen des Leihgeschäftes „Kleiderei“. Bild: Denys Karlinskyy

Pola Fendel und Thekla Wilkening haben einen Laden gegründet, in dem man Kleider leihen kann, statt sie zu kaufen. Wir haben die Studentinnen in ihren Lieblingsstücken fotografiert. Und sie gefragt, wie man auf so eine Idee kommt – und wie man das durchzieht. Ein Gespräch über Stil und Überfluss, über Freundschaft und Mode, über Mut und Muttiwerden.

          Montagmorgen, 11 Uhr, in einer Dachgeschosswohnung im Hamburger Schanzenviertel. Hohe Decken, Balken, Erker-Fenster. An der Wand lehnen Velvet-Underground-Schallplatten und Jack-Kerouac-Bücher. Fotograf Denys baut die Lichtanlage auf. Pola, 24, Kunststudentin, kocht Kaffee, während Thekla, 26, die Bekleidung, Technik und Management studiert, ihren Sohn davon abhält, den Hund der Pressesprecherin zu kneifen. Gleich soll es losgehen, das Fotoshooting mit Pola und Thekla.

          Seit eineinhalb Jahren können sich die beiden vor Presseanfragen kaum mehr retten. Im November 2012 haben sie die Kleiderei eröffnet – ein Geschäft, in dem man Kleider leihen kann, statt sie zu kaufen, genau wie in einer Bücherei.

          Frage: Für die Kleiderei gibt es verschiedene Gründungsmythen: Einmal heißt es, ihr wärt für eine Party shoppen gewesen und hättet euch gedacht: eigentlich bescheuert, dass man nichts leihen kann. In der anderen Geschichte hat eine von euch auf einer London-Reise den Koffer verloren …

          Pola und Thekla haben schon beim ersten Satz angefangen, zu lachen.

          P: Wir wollten uns mal für jedes Interview was anderes ausdenken.
          T: In Wahrheit waren wir für eine Party shoppen. Und dann haben wir was getrunken und darüber geredet, dass man ja gar nichts mehr kauft, weil man es braucht. Sondern weil man ständig Lust auf Neues hat.
          P: Da ist so eine Sinnlosigkeit. Man kauft Kleidung für eine einzige Gelegenheit, für die nächste Party, das nächste Date – danach braucht man das Stück nicht mehr.
          T: Und trotzdem will man verschiedene Klamotten tragen. Wenn ich mich in einer Woche weiterentwickelt habe, will ich doch nicht mehr so aussehen wie letzte Woche.

          Mode ist für euch also ein Mittel dafür, zu zeigen, wie man sich entwickelt hat?
          T: Für mich auf jeden Fall. Mode ist ein State­ment, sie zeigt, wie es mir geht und wer ich gerade bin. Immer das Gleiche tragen zu müssen, wäre für mich der Horror.
          P: Meine Kleidung spiegelt meine Laune. Es gibt Momente, da fühle ich mich extravagant, da will ich das passende Kleid. Und an anderen Tagen hab ich drei Pickel zu viel, bin schüchtern und will mich in einem Kapuzenpulli verstecken. Deshalb hab ich auch nicht nur einen Stil – der wechselt jeden Tag.

          11.30 Uhr: Hotpants und Blusen. Das Licht ist fertig aufgebaut, es kann losgehen. Pola und Thekla machen die Musik lauter, trinken einen Schluck Sekt und posen. Der Erfolg der Kleiderei, das wissen die beiden, hängt auch davon ab, ob es gelingt, Nachhaltigkeit sexy zu machen – weg vom Secondhand-Öko-Klischee hin zur Kapitalismuskritik mit Glamour.

          T: Wir wollen gern zeigen, dass wir Spaß haben. Man muss nicht gleich ernst gucken, nur weil man sich mit ernsten Themen auseinandersetzt.
          P: Uns ist klar, dass man nicht immer alles richtig machen kann, dafür gibt es einfach zu viele Probleme auf der Welt, beim nachhaltigen Essen, Reisen, Einkaufen. Aber uns war es wichtig, überhaupt erst mal einen Anfang zu machen – in einem Bereich, in dem wir eine Alternative sahen.

          Ihr glaubt an das Konzept Sharing Economy, an Teilen statt Besitzen …
          P: Ja, klar. Irgendetwas muss sich ja ändern. Wie manche Geschäfte mit Ausbeutung kokettieren, das finde ich pervers. Werbung damit zu machen, dass man für 50 Euro mit vollen Tüten nach Hause kommt, das heißt doch nichts anderes, als dass Kleidung nichts mehr wert ist – und die Arbeit von Menschen am anderen Ende der Welt auch nicht.
          T: Ich bin froh, dass wir etwas machen, was nachhaltig ist. Es hat sich ja gezeigt, dass Recycling auch zu viele Ressourcen verbrauchen kann. Aber Teilen, das kostet nichts.

          Aber profitiert nicht auch die Kleiderei vom Überfluss? Die Leute geben doch nur etwas zum Teilen, weil sie so viel haben …

          P: Selbst wenn das so wäre: Wenn jetzt alle Menschen aufhörten, neue Kleider zu kaufen, und die Sachen, die sie selten tragen, in die Kleiderei gäben, könnten wir wahrscheinlich hundert Jahre lang Kleider tauschen, ohne dass man etwas zweimal tragen muss.

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