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Sozialpädagogik studiert - und dann? : Netzwerker im Gemeinwesen

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Bild: dpa

In der sozialen Arbeit findet ein tiefgreifender Wandel statt. Sozialpädagogen übernehmen Managementaufgaben - in der Altenhilfe ebenso wie in der Jugendarbeit oder im Quartier. Sie entwicklen Konzepte, führen Initiativen zusammen, koordinieren und bilden weiter.

          Die Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention vor zwei Jahren war ein Meilenstein in der Behindertenhilfe - mit weitreichenden Folgen, auch was die Aufgaben von Sozialpädagogen betrifft. „Der Umbruch, der durch die Einführung des Sozialgesetzbuchs (SGB) IX vor zehn Jahren eingeleitet wurde, wird dadurch noch verstärkt“, stellt Thomas Schneider vom Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe (BeB) fest. Im Sozial­gesetzbuch war das Recht behinderter Menschen auf Rehabilitation und Teilhabe gesetzlich verankert worden. „Menschen mit Behinderung werden längst nicht mehr als Objekte der Fürsorge wahrgenommen, sondern als Klienten, denen ein selbstbestimmtes Leben in der Mitte der Gesellschaft ermöglicht werden soll.“ Der Trend ist unübersehbar: Weg von der stationären Betreuung in Sondereinrichtungen hin zu einer ambulanten, „sozialraumorientierten“ Unterstützung, die auf das Gemeinwesen setzt. „Leistungen sollen in einem Mix aus Professionellen und Ehrenamtlichen erbracht werden“, erklärt Schneider den Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe. Das soziale Umfeld soll mit ins Boot geholt werden und Hand in Hand mit Fachdiensten zusammenarbeiten. Für Sozialpädagogen könnten ganz neue Tätigkeitsfelder entstehen - etwa in der Funktion eines Case Managers, der die verschiedenen Angebote und Leistungen koordiniert. Die Entwicklungen in der Behindertenhilfe sind beispielhaft. „Die soziale Arbeit hat sich insgesamt verändert“, bestätigt Wilfried Nodes vom Deutschen Bundesverband für Soziale Arbeit. Das Moment der Kontrolle habe zugenommen. „Die Bedeutung ganzheitlicher Hilfestellungen nimmt zugunsten funktionaler Aufgabenstellungen ab.“ So ist beispielsweise mit dem Einsatz von „Fallmanagern“ in den Jobcentern der Agentur für Arbeit ein neues Berufsprofil für Sozialarbeiter entstanden. Viele der speziell geschulten Fallmanager kommen aus der Beratung. Sie kümmern sich um Arbeitsuchende mit komplexen Problemlagen und stimmen Hilfsangebote aufeinander ab. „Insgesamt hat sich der Arbeitsmarkt für Sozialpädagogen und Sozialarbeiter in den letzten Jahren dramatisch verbessert“, stellt Nodes fest. Nach etlichen Skandalen sind Stellen im Kinderschutz wieder aufgestockt worden, und auch die Schulsozialarbeit wird stärker unterstützt. In den Bereichen der Migration, Behindertenhilfe und in der Altenhilfe beobachtet der Verband ebenfalls eine verstärkte Nachfrage. Speziell im Sozialmanagement entstehen hier neue, leitende Positionen - auch in Folge des Wettbewerbs sozialer Dienste untereinander. „Zugleich findet eine Verdrängung von Akademikern durch Mitarbeiter mit niedriger Qualifikation statt“, sagt Verbandssprecher Nodes. Dies ist ein Grund dafür, dass Berufe in der Sozialen Arbeit vielfach sehr schlecht bezahlt sind. Laut Mikrozensus 2009 erreicht nur die Hälfte der Erwerbstätigen ein Nettoeinkommen von über 1500 Euro; knapp die Hälfte der Verträge ist befristet und die Zahl der Teilzeitstellen nimmt zu. Berufseinsteigern rät Wilfried Nodes deshalb, bei der Wahl des Arbeitgebers genau hinzuschauen: „Hände weg von Haustarifverträgen, sonst fängt man bei einem beruf­lichen Wechsel immer wieder in einer niedrigen Tarifgruppe an.“ Günstiger sei der Einstieg bei einer Kommune oder bei einem großen Träger. „Dort kann ich intern wechseln und Berufserfahrung in verschie­denen Bereichen sammeln.“
          Wie bunt so ein Berufsweg aussehen kann, zeigt das Beispiel von Dorothea Bergler. Nach dem Studium in München hat die Sozialpädagogin als Sozialarbeiterin in einer Flüchtlingsunterkunft gearbeitet, anschließend als Fachberaterin einer Sozialstation in Augsburg. Ein Einsatz in der Katastrophenhilfe in Mazedonien öffnete ihr „den Kopf“. Für Caritas international betreute sie
          in einem großen Flüchtlingslager ein Jugendhilfeprojekt und entdeckte in der Netzwerkarbeit mit vielen verschiedenen Einrichtungen und Menschen, was Soziale Arbeit alles kann. „In diesen internationalen Hilfsprogrammen geht es darum, zukunftsfähige Projekte so aufzubauen, dass sie eigenverantwortlich weitergeführt werden können“, erklärt Bergler. „Unsere Mitarbeiter leisten Hilfe zur Selbsthilfe, indem sie Kollegen vor Ort in der Projektarbeit qualifizieren und ihnen vermitteln, wie sich etwas aufbauen lässt.“ Dazu gehört auch, mit der administrativen Seite von Projekten umgehen zu können. Eine Fähigkeit, die Dorothea Bergler in einem berufsbegleitendem Studium zur Sozialmanagerin von der Pike auf gelernt hat. Heute arbeitet sie als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising für Caritas international in Freiburg. Als Ansprechpartnerin für Unternehmen und Stiftungen initiiert und begleitet sie große Spendenprojekte. „Ich muss Projekte strukturieren und in ein überzeugendes Konzept bringen können“, stellt die Fundraiserin fest. Sie steht jedoch auch Privatpersonen zur Seite, die der Hilfsorganisation ihren Nachlass anvertrauen wollen. „Da bin ich wieder sehr nah an der sozialen Beratung“, so Bergler. „Denn hier geht es um ein heikles und sehr intimes Thema, dem
          ich mit Würde und Respekt begegnen muss.“
          Auch in der Leitung von sozialen Einrichtungen nimmt das Thema Finanzierung eine immer größere Bedeutung ein. Als Geschäftsführer der Evangelischen Jugend Stuttgart hat Rolf Ahlrichs tagtäglich mit Fundraising zu tun. „Die Mittel werden knapper“, stellt der Sozialpädagoge fest. „Nicht nur zusätzliche Projekte, auch Stellen werden aus einem Mix unterschiedlicher Finanzierungen bezahlt. Das war früher anders.“ Seit vier Jahren leitet der 39-Jährige die Jugendhilfeeinrichtung, nach Stationen in der Drogenberatung und als Jugendreferent in der Bildungsarbeit. Parallel studiert
          er Sozialmanagement und arbeitet gerade an seiner Master Thesis. Kontakte zu Unternehmen und Stiftungen gab es bereits vor seiner Zeit. „Wir gehen allerdings ganz gezielt auf mögliche Kooperationspartner zu, die zu einem bestimmten Projekt passen und Interesse haben könnten“, so Ahlrichs. Doch nicht nur in der Geschäftsführung weht ein anderer Wind, auch die Aufgaben der 30 Jugendreferenten haben sich verlagert. Einer kleiner werdenden Zahl von Mitarbeitern stehen weit über tausend Freiwillige gegenüber, die bereit sind, sich für die Evangelische Jugend einzusetzen. Alle Interessenten einzubinden und anzuleiten, das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. „Kinder und Jugendliche begleiten, auch mal eine Gruppe leiten - so sah die Jugendarbeit früher aus“, sagt Ahlrichs. „Inzwischen steht die Ausbildung und Betreuung von jungen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, im Mittelpunkt.“
          Die Begleitung und Professionalisierung von Freiwilligen hat sich quer durch alle Bereiche zu einem wesentlichen Bestandteil Sozialer Arbeit entwickelt. „Koordination, Planung und Soziale Netzwerkarbeit sind als Arbeitsansätze sehr wichtig geworden“, betont Cornelia Kricheldorff, Professorin der Katholischen Hochschule für Sozialpädagogik in Freiburg. Ihr Fachgebiet ist die Soziale Altenhilfe, ein Bereich, der von jungen Studierenden eher wenig beachtet wird. Was ein Fehler sein könnte, denn die Expertin sagt klipp und klar: „Wenn Sozialpädagogen auf den Arbeitsmarkt von morgen vorbereitet sein wollen, müssen sie sich mit dem Thema beschäftigen.“ Die demographischen Veränderungen wirken sich nach ihrer Einschätzung auf fast alle Felder der Sozialen Arbeit aus. „Jede Familienberatungsstelle nimmt heute spezielle Angebote zum Thema Altern auf, die sich zum Beispiel an Angehörige richten.“ Ein großes und vielfältiges Spektrum an informellen Weiter­bildungs- und Versorgungsmöglichkeiten ist entstanden, das weit über die klassische Altenhilfe hinausgeht: Seniorenberater klären Fragen von Angehörigen oder koordinieren die Vermittlung von Heimplätzen, stadtteilorientierte Freizeit- und Bildungseinrichtungen sind soziale Anlaufstelle für Menschen ab 50 plus und Freiwilligendienste vermitteln Ehrenamtliche, die Alte im Alltag unterstützen. „Überall hier sind Sozialpädagogen als Quartiersmanager gefragt, die Impulse geben, Strukturen schaffen und soziale Prozesse begleiten“, stellt Cornelia Kricheldorff fest. Dieses neue, moderne Bild der Sozialen Arbeit gefällt auch ihren Studenten.
           

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