https://www.faz.net/-i7g-77s3s

Unsere neue Serie über Jobs in der Provinz: Landpartie No. 1 : Weit draußen

  • -Aktualisiert am

Ferien auf dem Bauernhof? Nein, das ist für immer: Biologe Jens Jurgeleit arbeitet in einem Pflanzenlabor im Wendland. Bild: Foto Christian Burkert

Kein Starbucks, kein Bahnhof, nicht mal permanenter Handyempfang. Jens Jurgeleit ist nach dem Studium für den Job umgezogen. Von der Stadt in die Provinz. Kann das gut gehen? „Ihr könnt mich gern besuchen“, sagt er über eine knisternde Telefonleitung. Haben wir gemacht.

          Das neue Leben von Jens Jurgeleit begann morgens um halb acht mit einer Fahrt übers Land. Es war Anfang Mai und die Sonne schien, als er seinen schwarzen Golf an Wiesen voller Maulwurfshügel und grasenden Kühen vorbeisteuerte. Er fuhr durch Alleen, durchquerte ein Waldstück und erreichte schließlich ein gelbes Ortsschild mit der Aufschrift „Solkau, Gemeinde Schnega“ im Wendland. Ein paar Minuten später parkte er den Wagen vor einem alten Bauernhaus – und klingelte bei seinem neuen Arbeitgeber, dem Institut für Pflanzenkultur.

          Jens Jurgeleit hatte einen hervorragenden Abschluss gemacht: Mit einer Note von 1,1 in Biologie hätte er überall anfangen können. Gleich nach dem Ende seines Studiums bekam er ein Job- und Promotionsangebot vom Helmholtz-Zentrum in Braunschweig. Doch der 1,90 Meter große Mann mit den dunkelblonden Haaren lehnte ab. „Natürlich wäre das ein toller Arbeitgeber gewesen“, sagt er. Was ihn störte: wie das Dissertationsstudium dort abläuft, dass es einen Stundenplan gibt und Seminare, die man besuchen muss. Er sehnte sich nach Freiraum.

          Und noch etwas anderes spielte bei seiner Entscheidung, aufs Land zu ziehen, eine große Rolle: die Liebe. Am Ende seines Studiums hatte er auf einer Party einen Mann kennengelernt, und es war schnell klar, dass die beiden einander sehr mochten. Schon bald besuchte Jurgeleit seinen neuen Freund im Wendland. „Da erlebte ich diese bombastische Region zum ersten Mal und war sofort begeistert von den alten Fachwerkhäusern, den freundlichen, alternativen Menschen und von der Weite, die einen hier umgibt“, erzählt er, und seine Stimme klingt dabei weich. Man spürt, dass er sich damals nicht nur in den Mann aus der Gegend verliebte. Sondern auch in die Gegend selbst.
          Jens Jurgeleit begann, sich nach Arbeitgebern im Wendland umzuschauen. Es war seine Mutter, die ihn schließlich auf die Idee brachte, die Internetseite des Institutes für Pflanzenkultur anzuklicken – eines mittelständischen Unternehmens, das Pflanzen produziert, indem es Klone von ihnen herstellt. Insgesamt 40 Mitarbeiter arbeiten hier, im Sommer sind es mehr als 60, dann gibt es auf den Feldern und in den Gewächshäusern am meisten zu tun.

          Gemeinsam mit seinem Freund kam Jurgeleit eines Samstags nach Schnega, um sich das Unternehmen anzuschauen. Hinter einer roten Backsteinmauer sah er ein altes, efeubewachsenes Fachwerkhaus mit der Inschrift „Anno 1833“. Er hinterließ seinen Namen. Wenig später verschickte er eine Initiativbewerbung an das Institut und bekam einen Praktikumsplatz angeboten. Ein paar Monate später wurde er als Assistent der Geschäftsführung eingestellt. Ein knappes Jahr ist das jetzt her.

          Arbeiten in der Provinz – etliche Firmen versuchen, Berufseinsteigern genau das schmackhaft zu machen. Doch so sehr sie sich auch bemühen: Vor allem mittelständische Unternehmen haben Schwierigkeiten, neue Mitarbeiter mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung zu finden. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums gibt es allein bei Berufen mit MINT-Abschlüssen – also bei Mathematikern, Informatikern, Naturwissenschaftlern und Technikern – mehr als 100.000 offene Stellen. Warum insbesondere Mittelständler häufig vergeblich um Fachkräfte kämpfen, hat vor allem zwei Gründe: Im Vergleich zu großen Konzernen sind sie weniger bekannt. Und ihre Firmenstandorte sind für Berufseinsteiger meist nicht gerade verlockend – weil sie in Schnega, Haselünne oder Iserlohn liegen und nicht in Hamburg, Berlin oder München, wo die meisten unter 30-Jährigen am liebsten leben möchten. „Von meinen Kommilitonen ist niemand aufs Land gezogen“, sagt Jens Jurgeleit. Er kann sich noch gut an die verständnislosen Blicke der anderen erinnern, als er ihnen von seinen Plänen erzählte. Dabei können gerade die kleineren Firmen in der Provinz die besten Arbeitgeber für Einsteiger sein: In einem mittelständischen Betrieb kann man schneller aufsteigen, weil es nicht so viele Hierarchie-Stufen gibt wie bei einem Konzern-Riesen. Die Entscheidungswege sind kürzer, neue Ideen haben eine größere Chance, umgesetzt zu werden – und auch die Bereitschaft der Chefs, einen Mitarbeiter gezielt zu fördern, ist oft größer. Für Jens Jurgeleit steht zum Beispiel schon fest, dass er für drei Monate nach Portugal geht – er soll dort ein Forschungsprojekt vorantreiben.

          Der 26-Jährige steht in einem Nebengebäude des alten Resthofes, in dem sich das molekularbiologische Labor verbirgt. Er hat sich einen weißen Kittel übergezogen und trägt blaue Gummihandschuhe. Vorsichtig öffnet er eine rot umrandete Schublade, holt eine Kiste mit einer gelartigen Substanz heraus und packt den Inhalt in einen roten Apparat. „Ich untersuche die Pflanzen, die wir hier produzieren“, erklärt er. Mithilfe einer künstlichen chemischen Reaktion will er ausgewählte DNA-Abschnitte vermehren. Die Zeiten, in denen er sich selbst ein wenig spöttisch „die linke Hand der Chefinnen“ nannte, weil er vieles noch nicht wusste und das Gefühl hatte, eher im Weg rumzustehen als zu helfen, sind lange vorbei. Fachlich kannte er sich gut aus – aber vor allem von der Geschäftsführung hatte er am Anfang keine Ahnung. „Das war ein ziemlicher Sprung ins kalte Wasser, aber ich hab’s überlebt“, sagt er und lacht.

          Innerhalb der Firma Karriere zu machen – die Chancen stehen für Jens Jurgeleit eher schlecht. Denn abgesehen von der Chefin und ihrer Stellvertreterin gibt es keine weiteren Hierarchie-Ebenen – also auch keine Jobs, in die man aufsteigen kann. „Aber wenn man überlegt, dass ich gerade erst von der Uni komme und hier im Management und im Controlling mithelfe, Projektanträge schreibe und außerdem noch im Labor arbeite, kann man das schon als steilen Aufstieg bezeichnen“, findet er. Hier hat er die Möglichkeit, vieles auszuprobieren. Manchmal fühlt er sich wie MacGyver, weil er sich selbst überlegen muss, wie er ein Projekt in die Tat umsetzen kann. Die Firma wächst stetig und soll vielleicht schon bald in ein größeres Gebäude umziehen – doch die technische Ausstattung ist nicht so üppig wie in einem Forschungsinstitut an der Uni, manches muss man sich selbst zusammenbasteln. Den ehrgeizigen Biologen, der gern als Wissenschaftler Karriere machen möchte, hat das selbständiger gemacht. Wenn er versucht, Forschungsanträge genehmigt zu bekommen, erledigt er die Arbeit, die an der Uni sonst von Professoren gemacht wird.

          Jens Jurgeleit zieht seinen Kittel aus und läuft über den mit Kopfsteinpflaster befestigten Innenhof des alten Bauernhauses. Die Luft riecht nach feuchter Erde und Moos. Drüben, in der kleinen Küche im Hauptgebäude, packt er ein paar belegte Brote aus und setzt sich an den Tisch. Nach dem Abitur hat er zuerst ein Jahr lang in Dresden Mechatronik studiert und ist dann für ein Biologiestudium nach Braunschweig gewechselt. Der Druck an der Uni war groß, auch der, den er sich selbst machte: Er verkürzte sein Studium um ein Semester und nahm sich vor, als einer der Besten abzuschließen. Eine Prüfung jagte die nächste. Er hatte das Gefühl, immer unter Strom zu stehen, für ein Privatleben war kaum Zeit. „Es ist nicht so, dass ich hier auf dem Land weniger arbeite, im Gegenteil“, sagt er. Doch das Leben hat eine andere Geschwindigkeit. „Die Leute sind entspannter.“ Wenn jemand weg muss, weil seine Ziege ein Junges bekommt, hat jeder Verständnis. Ein anderer übernimmt dann die Arbeit – oder sie wird später nachgeholt.

          Um 16.30 Uhr hat er Feierabend. Wieder tritt er hinaus in den Hof. Er winkt den Kollegen und steigt in seinen Golf. Sein Heimweg führt ihn an Stoppelfeldern und Wäldern, Kuhtränken und alten Bauernhäusern vorbei. Zwischendurch muss Jens Jurgeleit rechts ranfahren, weil ihm ein Trecker entgegenkommt. Eine halbe Stunde später ist er zu Hause. Er lebt im 30 Kilometer entfernten Lüchow – einer Kleinstadt im Wendland mit rund 9.500 Einwohnern. „Wir zahlen 500 Euro Miete im Monat“, sagt Jens Jurgeleit und schließt die Tür der 110-Quadratmeter-Wohnung in einer alten gelben Jugendstilvilla auf, in der er gemeinsam mit seinem Freund lebt. Ein Preis, für den man in Hamburg, Frankfurt oder München mit sehr viel Glück eine sehr kleine Einzimmerwohnung bekommt. Allerdings: Kein Starbucks, kein Saturn, kein Apple-Store, das kleine Städtchen mit den Fachwerkhäuschen hat keinen eigenen Bahnhof, so weit draußen hat nicht einmal das Handy permanent Empfang. Stört ihn das? Nein, er mag es, dass die Leute einander grüßen, dass man schneller ins Gespräch kommt als anderswo. Obwohl er erst seit einem knappen Jahr im Wendland lebt, hat er einen großen Freundeskreis. Die Gruppe, mit der er sich häufig trifft, besteht aus 30 Leuten. Dumme Sprüche, weil er schwul ist, hat er hier noch nie gehört.

          Wenig später sitzt Jens Jurgeleit in seinem Stammrestaurant „Wendel“. Jägerschnitzel und Pommes. Er würde gern später einmal als Dozent an der Uni arbeiten, sagt er. So wie seine Chefin, die Vorlesungen an der Hochschule Hannover hält. Das bedeute aber nicht, dass er aus dem Wendland wegziehen werde. Im Gegenteil: Er träumt davon, einen alten Resthof zu kaufen. Das 9.000-Einwohner-Städtchen Lüchow ist ihm eigentlich noch zu groß. Am liebsten würde er richtig weit draußen wohnen, richtig im Grünen, richtig auf dem Land.

          Topmeldungen

          Eurofighter-Absturz : 50 Meter an der Katastrophe vorbei

          Ein Pilot stirbt, einer ist schwer verletzt – schlimm genug. Bei der Suche nach Wrackteilen der abgestürzten Eurofighter in Mecklenburg zeigt sich, dass es noch schlimmer hätte kommen können.

          Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

          Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

          Abgrenzung von der AfD : Das Ende eines Ausflugs

          Die Union besinnt sich endgültig wieder auf die Erkenntnis, dass sie mit einer Wendung nach rechts weniger Zustimmung zurückgewinnt, als sie in der Mitte verliert.