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Wenn sich Studenten selbständig machen : Meine kleine Firma

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Vor den Türen der Braufässchen-Zentrale stinkt es nach Kuhmist. „Landluft“, sagt Dominik Guber, 25, und bittet in sein Büro in Giggenhausen. Hier soll ein aufstrebendes Internet-Start-up sitzen? Die nächste S-Bahn-Haltestelle ist zehn Autominuten entfernt, von dort dauert es noch einmal 35 Minuten bis nach München. „Die Mietpreise und die Nähe zu unseren Uni-Fakultäten waren ausschlaggebend“, erklärt Guber, und wenn man mit ihm die 120 Quadratmeter große Halle betritt, ahnt man, warum das Start-up Braufässchen Platz braucht: Auf Holzpaletten stapeln sich Hunderte 5-Liter-Fässchen. In einer gekachelten Ecke gibt es ein Labor mit Gläsern, Fläschchen, Kühlschränken, in einer anderen Ecke stehen Laptops, Regale, haufenweise Pappkartons – und ein Kickertisch. Von hier aus wollen die drei Braufässchen-Betreiber – neben Guber sind das Wolfgang Westermeier, 27, und Ping Lu, 25 – den deutschen Biermarkt revolutionieren.

Die drei kennen sich aus einem Gründer-Programm der TU München: Studenten aus unterschiedlichen Fachbereichen werden hierbei drei Semester lang, parallel zum Studium, auf eine Unternehmensgründung vorbereitet. Gegen Ende des Programms, im Oktober 2011, brauchen sie eine unternehmerische Idee. Bei ein paar Bier sprechen sie über die Biervielfalt in anderen Ländern: etwa in Belgien oder in den USA, wo es Himbeer-, Honig- oder Kürbisbier gibt. Das gefällt ihnen. „Die Innovationen werden in Deutschland aber durch das Reinheitsgebot eingeschränkt“, sagt Westermeier. Das Gebot verbietet Zusatzstoffe. Deshalb gibt es hier lediglich Biermischgetränke. Die Studenten aber entdecken eine Lücke: Die Regel gilt nicht für Bier, das man zu Hause braut. Die Idee ist geboren: „Wir mussten es schaffen, den Leuten die Möglichkeit zu geben, ihr eigenes Bier selbst zu brauen“, erinnert sich Westermeier. Dann dürfen sie sich reinmischen, was sie wollen. Die drei entwickeln ein Bierbrau-Set, ein 5-Liter-Fässchen, mit Aromen kombinierbar und mit dem Anspruch, dass jeder Laie daraus innerhalb von sieben Tagen ein trinkfertiges Bier brauen kann. Sechs Monate dauert die Entwicklung. Anfangs sind noch zwei Brau- und Getränketechnologen dabei, aber auch der Bio- und Agrarwissenschaftsstudent Westermeier steuert sein Uni-Wissen bei. Ansonsten aber leidet die akademische Karriere: „Ich bin ab dem 6. Semester gar nicht mehr zu Vorlesungen gegangen“, sagt Guber. Für seinen Maschinenbau-Bachelor hat er nun acht Semester gebraucht. Auch Westermeier zeigt weniger Präsenz in der Uni, bemerkt aber noch etwas anderes: „Ich habe mir die Vorlesungen danach ausgesucht, ob sie mich und meine Firma weiterbringen könnten. Die hätte ich sonst nicht gewählt.“

Die meiste Zeit verbringen sie in einer WG-Küche, um die richtige Mischung für ihr Bier zu finden. Im Frühjahr 2012 haben sie sie gefunden und können zwei private Investoren von ihrer Idee überzeugen. Mathematikstudent Lu stößt zum Team dazu, er baut die Homepage mitsamt der Konfigurations- und Vertriebsautomatik. Es folgt, was Guber die „Red-Bull-intensive Phase“ nennt: Innerhalb weniger Wochen ziehen sie in die Giggenhausener Halle, bestellen Fässchen, Aromastoffe, Malz, Hopfen, Hefe. Mittlerweile haben sie 800 bis 900 Bestellungen pro Monat, ein Fässchen kostet knapp 30 Euro. Westermeier tüftelt ständig an neuen Aromen, aktuell haben sie 15 verschiedene; unter anderem Bourbon, Mango und Passionsfrucht. Im Oktober hat Guber, zuständig für Finanzen, seinen Mitarbeitern das erste Mal ein kleines Gehalt überwiesen. Ihre Master-Abschlüsse wollen Lu und Guber noch machen – aber weder will Lu danach als Mathematiker arbeiten noch Guber als Ingenieur. „Meine größte Erkenntnis des Studiums ist wohl“, sagt Guber, „dass ich nicht mehr als Angestellter arbeiten möchte. Ich war noch nie so motiviert wie in meiner eigenen Firma.“

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