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Wenn sich Studenten selbständig machen : Meine kleine Firma

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Fahrräder mit Bambusrahmen verkaufen und dabei ein soziales Projekt in Ghana unterstützen

my Boo

Business
Fahrräder mit Bambusrahmen verkaufen und dabei ein soziales Projekt in Ghana unterstützen
Gründer
Jonas Stolzke (21, l.) und Maximilian Schay (22, r.), BWL-Studenten an der Uni Kiel


Als sie endlich zum ersten Mal auf ihren selbst gebauten Fahrrädern saßen – Anfang Juni im schleswig-holsteinischen Fockbek –, da waren Maximilian Schay, 22, und Jonas Stolzke, 21, überrascht, dass man damit tatsächlich fahren kann. „Es war einfach superschön zu sehen, dass es wirklich funktioniert“, erinnert sich Stolzke. „Schließlich hatten wir ein halbes Jahr auf diesen Moment hingearbeitet“, sagt Schay. Es sind besondere Fahrräder, die die beiden Kieler BWL-Studenten an jenem Tag Probe fahren: Die Rahmen bestehen aus ghanaischen Bambusrohren, miteinander verbunden durch Hanfseile. Das macht sie leichter als andere Räder. Es sind die Prototypen ihrer Geschäftsidee. Aber wie kommt ghanaischer Bambus nach Norddeutschland?

Die Studenten sitzen im Kieler Wissenschaftszentrum, wo sie inzwischen ein Büro haben. Im vergangenen Jahr verbrachten sie hier mehr Zeit als in ihren Hörsälen. Im Spätsommer 2012 erzählt Schay ein Freund von seinem FSJ in der ghanaischen Stadt Kumasi, wo die Leute auf Bambusrädern zur Arbeit fahren. Schay berichtet seinem Kommilitonen Stolzke von der Idee, Bambusräder in Deutschland zu verkaufen. Bei der Suche nach einem Bambusproduzenten wird ihnen „schnell klar, dass wir das mit einem sozialen Projekt verbinden möchten“, wie Schay sagt. Sie entscheiden sich für Ghana und das dort ansässige Yonso-Projekt. Dieses sichert pro verkauftem Bambusrahmen einem Schulkind ein einjähriges Stipendium. Die beiden Studenten überzeugen einen befreundeten Investor, ihr Projekt zu unterstützen, und bestellen neun Fahrradrahmen aus Ghana. Doch als die erste Lieferung ankommt, weicht die Begeisterung schnell der Enttäuschung: „Die Rahmen waren schief“, erinnert sich Stolzke, „da konnte man keine zwei Reifen dran befestigen.“ Die Yonso-Bewohner arbeiten unter sehr einfachen Bedingungen, „wenn das Fahrrad halbwegs fährt, sind dort alle zufrieden“, sagt Schay. Auf dem deutschen Markt aber sind die Rahmen nicht zu verkaufen. Das Projekt steht auf der Kippe.

Sie holen sich Unterstützung von einem Fahrradzulieferer, ihr Investor vermittelt ihnen den Kontakt zu technischen Zeichnern. Gemeinsam entwerfen sie eine Metallschiene für das Rahmengestell, mit deren Hilfe die Bambusrohre genormt werden sollen. Die Metallschiene markiert den Wendepunkt. Anfang Mai fliegen sie nach Ghana, bauen die Fahrradrahmen gemeinsam mit den Bewohnern Yonsos nach ihren Vorstellungen. Auch ein Name ist schnell gefunden: my Boo, wie sie ihre Fahrräder nennen, mein Liebling. Sattel, Reifen und Pedale kommen vom Zulieferer aus Fockbek. Im Oktober fliegen sie noch einmal nach Yonso. Sie bringen fünf neue Metallrahmenschienen. Denn inzwischen gibt es viele Anfragen: Nach einem Beitrag über my Boo im RTL Nachtjournal sei ihre Website zusammengebrochen, erzählt Stolzke. Und das bei einem Stückpreis von fast 2.000 Euro. Doch der Erfolg des Unternehmens hat für die Studenten seinen Preis. „Im letzten Semester“, sagt Stolzke, „haben wir nur die Hälfte der Klausuren geschrieben.“ Inzwischen, so Schay, könne man eben nicht mehr sagen: „Ich gehe heute mal nicht ins Büro.“ Einfach wieder nur zu studieren, ohne nebenbei Unternehmer zu sein, das können sich beide aber nicht mehr vorstellen. In einem Jahr mit my Boo hätten sie schließlich mehr gelernt als in zwei Jahren Studium. „Ich frage mich manchmal“, sagt Schay, „was die Leute machen, die nur studieren.“

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