https://www.faz.net/-i7g-9b4j5

Selbstverantwortlich arbeiten : Aus Überzeugung gründen

  • -Aktualisiert am

Arbeitet selbstbestimmt und ist sehr zufrieden damit: Andreas Rüdenauer (l.) im Gespräch mit einem Mitarbeiter seines Start-ups R3DT. Bild: Michael M. Roth

Selbstverantwortlich arbeiten statt im Kleinen tüfteln, das wünschen sich viele junge Absolventen für den Berufseinstieg. Die Alternative: selbst gründen.

          Andreas Rüdenauer wurde das Unternehmertum quasi in die Wiege gelegt: Er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und weiß daher nur zu gut, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen und eigenständig zu arbeiten. Kein Wunder also, dass der heute 33-jährige Maschinenbauer aus der Region Würzburg Chef seines eigenen Unternehmens Rüdenauer 3D Technology ist. Kurz hatte es ihn nach dem Studium zwar in die Lehre verschlagen, „statt meiner Doktorarbeit habe ich dann aber lieber einen Businessplan geschrieben“, erzählt er lachend.

          Eigenständig und souverän agieren und Verantwortung übernehmen – das ist der Wunsch vieler junger Absolventen nach dem Studium. In einigen Ingenieursberufen wie bei Architekten oder Bauingenieuren ist die Selbständigkeit eine naheliegende Option. Alleinunternehmer machen laut dem Branchenverband VDI aber insgesamt nur einen Anteil von 7,7 Prozent aller Ingenieure aus. Die meisten anderen lassen sich anstellen – und ein kleiner Teil gründet. So wie Andreas Rüdenauer.

          Ansprüche in der Industrie anders als in der Lehre

          Selbst sein Forschungsprojekt als Doktorand am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) war industrienah – und gab letztlich den Ausschlag für die Ausgründung. Es ging dabei um digitale Produktentstehung; er arbeitete mit drei Industrieunternehmen zusammen, analysierte deren Umgang mit 3D-Konstruktionen und -Simulationen. Dabei lernte er: Die Industrie hat andere Ansprüche, als die Lehre vermittelt. Und er erkannte das Potential, das moderne Technologien wie Virtual Reality (VR) bieten: Mit Hilfe einer geeigneten Software könnte er es Unternehmen ermöglichen, ihre bereits bestehenden Daten so zu nutzen, dass sie ihre Produkte auf Knopfdruck im Maßstab 1:1 virtuell erleben. Aus dieser Idee ist inzwischen Realität geworden: Statt einen teuren Prototyp zu bauen, rechnet Rüdenauers Software die ohnehin vorhandenen 3D-Modelle für eine neue Maschine, Fertigungslinie, einen Handarbeitsplatz oder ein Fahrzeug so um, dass die Konstrukteure, Arbeiter und Entscheider mit einer handelsüblichen VR-Brille quasi direkt in den Modellen stehen und ihre Funktionsweise testen können, bevor sie auch nur eine Schraube in die Hand nehmen.

          Die Software ist seit etwa neun Monaten am Markt – und Rüdenauer der selbstbestimmte Unternehmer, der er immer sein wollte. „Es begeistert mich einfach, etwas Neues zu entwickeln, Werte zu schaffen. Ein Unternehmen von null aufbauen, das ist für mich eine geniale Herausforderung“, schwärmt er. Natürlich hätte er sich auch einen spannenden Job als Ingenieur in der Industrie suchen können, aber für Entrepreneurship brennt sein Herz, das merkt man sofort.

          Als Gründer muss man auch Vertriebler sein

          Trotzdem – oder gerade deshalb – würde er es nicht allen Absolventen empfehlen zu gründen. „Man muss sich bewusst machen, dass es verdammt viel Arbeit ist. Man muss erst mal reinkommen, sich alles selbst aufbauen. Bei Ingenieuren in der Industrie kommen die Themen, mit denen ich täglich zu tun habe, gar nicht vor“, warnt er. Aktuell besteht seine Aufgabe hauptsächlich aus Verkauf, die Produktentwicklung machen andere. „Man merkt schnell, ob jemand tüfteln will – oder gründen.“

          Er empfiehlt Absolventen mit einer Idee deshalb, diese ganz klassisch auf den Prüfstand zu stellen – und dafür die Unterstützung der Hochschule zu suchen. Er hatte seine Idee schon 2013 im Rahmen eines „Boostcamp“ der Uni in Kooperation mit dem vom Land Baden-Württemberg getragenen Cyberforum in Karlsruhe auf Herz und Nieren geprüft. Im folgenden Jahr entwickelte er die Idee dann zum Konzept weiter, bewarb sich mit seinem Gründerteam auf das EXIST-Gründerstipendium und finanzierte so die erste Zeit. Dann ging er auf Erkundungstour bei potentiellen Kunden: „Das ist mein wichtigster Tipp für Gründer: Findet raus, was eure Kunden wirklich brauchen und einsetzen können.“
          Zusätzlich holte er sich einen industrieerfahrenen Kaufmann an Bord, der die Firma heute mit ihm zusammen führt und auch etwas Kapital mitgebracht hat. „Wir waren sehr technikgetrieben. Es ist wichtig, dass man sich ergänzt und das Team entsprechend aufbaut.“

          Intelligenter Gesundheitsassistent

          Eine ähnliche Strategie haben auch Julia Hoxha und ihr Mitgründer verfolgt. Erst Anfang des Jahres sind sie offiziell gestartet, befinden sich gerade noch in der Gründungsphase ihres smarten Gesundheitsassistenten. „Zana“ basiert auf Künstlicher Intelligenz, mit der Nutzer derzeit vor allem per Facebook Messenger und Alexa, bald aber auch in Form eines Bots auf der Website über alle möglichen Themen rund um die Gesundheit sprechen können. Zana wird von einer Datenbank mit Informationen gefüttert und entwickelt sich ständig weiter. So kann sie Nutzern auch gezielt innovative, personalisierte Produkte zum Beispiel zur Gesundheitsüberwachung oder Behandlung von Schmerzen empfehlen, die das Unternehmen in Kooperation mit anderen über eine eigene Plattform vertreiben will.

          Die Idee zu Zana hatte Hoxhas Mitgründer bereits 2014. Damals war die gebürtige Albanerin aber noch nicht bereit zu dem Schritt, hatte gerade ihre Promotion abgeschlossen. „Ich wollte zunächst noch etwas am Thema forschen, um den technologischen Hintergrund zu verfeinern“, sagt sie. Sie ging nach New York, um ein Post-Doc-Programm in medizinischer Informatik an der Columbia University zu absolvieren. „Dabei hatte ich Zana aber immer im Hinterkopf.“

          Checkliste für Gründungsinteressierte
          1. Von der Geschäftsidee zum Geschäftsmodell
          Im ersten Schritt sollte man seine Geschäftsidee auf den Prüfstand stellen. Löst die Idee ein Problem? Wie viele Menschen haben dieses Problem, und sind diese auch bereit, Geld dafür auszugeben? Das Kundenbedürfnis festzustellen ist der erste Meilenstein, um einen Business-Case ausrechnen zu können, auf dem man dann seine Firma aufbauen kann.

          2. Das richtige Team zusammenstellen
          „Mit dem richtigen Gründerteam steht und fällt das Unternehmen“, sagt Gunda Opitz vom UnternehmerTUM, dem Center for Innovation and Business Creation der Technischen Universität München. Oft kommen in die Gründungsberatungen der Hochschulen nämlich eher homogene Teams – also zwei Informatiker oder Maschinenbauer. Die müsse man dann beim Teamaufbau unterstützen und zunächst dafür sensibilisieren, welche Rollen vorhanden sein sollten: Gibt es die benötigten Kompetenzen im Team, oder muss dieses eventuell ergänzt werden? Können einzelne Teammitglieder diese Kompetenzen erlernen und in die Rolle reinwachsen? „Wenn das Team nicht passt, funktioniert es am Ende oft nicht. Man braucht Mitstreiter, denen man vertrauen kann und die dieselbe Vision haben“, sagt Opitz.

          3. Die Finanzierung klarmachen
          Bei Ausgründungen aus der Hochschule kommen meistens öffentliche Förderungen zum Einsatz, die den Start-ups für 12 bis 24 Monate den Anschub finanzieren. Hier sind neben dem EXIST-Gründerstipendium für innovative, technologieorientierte oder wissensbasierte Gründungsvorhaben aus der Universität der EXIST-Forschungstransfer und der Wettbewerb Go-Bio für Gründerteams zu nennen. Darüber hinaus gibt es in fast jedem Bundesland regionale Förderungen für Absolventen. „Durch die Förderprogramme haben Gründerteams einen überschaubaren Zeitraum, sich auszuprobieren, einen Prototypen zu bauen“, so Opitz. Diese Zeit sollten sie gut nutzen, die Idee zu testen und Kunden zu finden – und um weiteres Geld aufzutreiben von Business- Angels oder Venture-Capital-Firmen.

          4. Beschleunigen und abheben
          Die Gründungszentren der Hochschulen begleiten die meisten Start-ups ein bis zwei Jahre. Gerade bei technologiebasierten Gründungen dauert es oft länger, einen Prototyp bis zur Marktreife zu entwickeln. Private Inkubatoren begrenzen die Zeit, in der sie Teams unterstützen, dagegen oft. Besonders sogenannte Acceleratoren geben Start-ups dann den letzten Push: Die Teams werden für einen überschaubaren Zeitraum von etwa drei Monaten intensiv gefördert („beschleunigt“), um das nächste Level zu erreichen. „Wenn man Glück hat und das in der richtigen Phase macht, führt das sogar zum Markteintritt. Manche brauchen aber auch danach noch mehr Zeit“, so Opitz.

          Staatliche Förderung vor privater Finanzierung

          Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland und der Geburt ihres zweiten Kindes im Jahr 2016 entschied sie sich dann, das Risiko einzugehen und Zana zu gründen. „Natürlich hatte ich Zweifel, ob alles so funktionieren würde. Aber ich habe an mich selbst geglaubt, an unsere Vision, an den Nutzen von Zana.“ Trotzdem war ihr wichtig, dass auch die finanzielle Belastung nicht zu groß wird. Deshalb investierten Hoxha und ihr Team im Jahr 2017 zunächst viel Zeit in ihren Businessplan – und in den Antrag für das EXIST-Gründer-stipendium sowie eine öffentliche Förderung über die EU. Mit Erfolg. Die Finanzierung ist erst mal gesichert, aktuell entwickeln Hoxha und das Team Zana weiter. Parallel schauen sie sich aber bereits nach neuen Ausschreibungen für öffentliche Gelder um. „Wir wollen erst im zweiten Schritt an private Geldgeber herantreten, wenn wir etwas weiter sind und wirklich etwas vorzuweisen haben“, sagt sie.

          Das Team besteht derzeit aus vier Vollzeit- und vier Teilzeitmitarbeitern, darunter zwei Ärzte und jemand fürs Businessdevelopment. Genau wie Hoxha ist auch ihr Mitgründer Informatiker – da war es wichtig, sich weitere Kompetenzen ins Team zu holen. Das ist für sie ein ausschlaggebendes Kriterium für den Erfolg: „Am Anfang hat man ja nicht viel vorzuweisen. Da hilft es, wenn man gute Leute hat mit viel Erfahrung. Das stärkt die Glaubwürdigkeit.“

          Auf diese Unterstützung können Gründer bauen

          Erste Anlaufstelle für Absolventen und Studierende sind in der Regel die Hochschulen. Nahezu jede Universität und Fachhochschule hat inzwischen ein Gründerzentrum oder eine Gründungsberatung. Einige haben in den vergangenen Jahren sogar Innovations- und Entrepreneurship-Institute eröffnet, die interessierte Studierende zu Veranstaltungen zum Thema einladen. Manche Hochschulen vergeben auch eigene Stipendien an ihre Absolventen, beraten zum Thema Businessplan, zu öffentlichen Förderungen oder bieten Wochenend-Boostcamps an, wo Gründer ihre Idee hinterfragen und von allen Seiten beleuchten können. Viele Hochschulen begleiten Gründungsteams dann auch während der Förderphase: Die TU München zum Beispiel hat einen eigenen Inkubator gegründet und stellt dort Arbeitsplätze für etwa 30 Teams zur Verfügung. Auch einen sogenannten Maker-Space gibt es. Dort können die Gründer Prototypen bauen und ihr technologisches Produkt weiterentwickeln. Darüber hinaus gibt es zahlreiche andere Anlaufstellen für Gründer: von der lokalen Wirtschaftsförderung über die Gründer- und Förderberatung der Indus­trie- und Handelskammern bis zu privaten Inkubatoren und Acceleratoren.

           

           

          Topmeldungen

          Trump und die Steuern : Ein Präsident zieht vor Gericht

          Seit Donald Trump im Amt ist, fordern die Demokraten, dass er seine Steuererklärungen veröffentlicht. Jetzt klagt der Präsident, damit ihn der Kongress nicht dazu zwingen kann.