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Jura-Check : Wissenschaft ist kreativ

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Bild: F.A.Z.

Drei Praktiker geben Einblick in Wissenschaftsbereiche, die für Juristen interessant sein können.

          Über den Tellerrand des geltenden Rechts hinausdenken

          Juristen in einer Ethikkommission beschäftigen sich zum Beispiel mit der Auflistung, Explikation und Gewichtung der rechtlichen Abwägungsfaktoren für die Zulassung konkreter Forschungsvorhaben sowie mit dem Aufzeigen der völker-, verfassungs- und strafrechtlichen Grenzen bei Dual-Use-Projekten. Das sind Projekte, bei denen die eingesetzte Technik prinzipiell zivil oder militärisch genutzt werden kann. Neben der fachlichen Qualifikation sind Ethikinteresse sowie die Bereitschaft, sich besonders zu engagieren, gefragt. Den entsprechenden Qualifikationsnachweis für eine solche Stelle erbringt man durch gute Examensergebnisse, möglichst auch durch eine Promotion. Wichtig sind außerdem Spezialkenntnisse – vorzugsweise im Verfassungsrecht, aber auch im Strafrecht –, ein allgemeines Problembewusstsein und Aufgeschlossenheit für Neues. Und allemal hilft eine frühzeitige Mitarbeit an einem interessanten Lehrstuhl oder entsprechenden Institut.

          Während Wirtschaftsjuristen, Anwälte oder Richter für die juristische Einordnung und Beurteilung konkreter Sachverhalte die geltenden Rechtsnormen voneinander abschichten und fallbezogen auslegen müssen, hat der Rechtswissenschaftler zusätzlich noch über den Tellerrand des geltenden Rechts hinauszudenken. Hier ist also viel einsame Gedankenarbeit gefragt, und Kollegengespräche werden eigentlich erst auf höherer Abstraktionsebene hilfreich. Wer dem auf Dauer nichts abgewinnen kann, sollte Wissenschaft als Beruf nicht näher in Betracht ziehen. Umgekehrt aber: Wer an solcher Arbeit Spaß hat, Gedankenfreiheit und Eigenständigkeit schätzt und ohne weiteres gern auch Einsatz für seine Ziele jenseits geregelter Arbeitszeiten aufwendet, sollte sich unbedingt der Wissenschaft widmen. Nirgendwo gibt es mehr Entfaltungsmöglichkeiten als hier.

          Prof. Dr. Edzard Schmidt-Jortzig ist Vorsitzender der Ethikkommission der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und ehemaliger Bundesjustizminister.

          Wissenschaftliche Arbeit ist kreative Arbeit

          Umweltjuristen am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) beteiligen sich an Projekten, in denen die Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen problembezogen zusammenarbeiten. Daneben bleibt Zeit für umwelt- und planungsjuristische Arbeit in disziplinären Forschungsaufträgen, die meist von Ministerien oder Bundesbehörden wie dem Bundesamt für Naturschutz erteilt werden. Die Arbeitsschwerpunkte sind Naturschutz und Biodiversität, Landnutzungskonflikte, Erneuerbare-Energien-Politik und Landnutzung sowie nachhaltige Stadt- und Raumentwicklung.

          Umweltjuristen sind Teil des wissenschaftlichen Personals – sie werden meist nur befristet eingestellt; Entfristungen sind an hohe Voraussetzungen gekoppelt. Vor diesem Hintergrund nutzen sie ihre Tätigkeit in erster Linie für die weitere Qualifizierung. Studierende können direkt nach dem Examen „einsteigen“. Sie tun dies entweder als wissenschaftliche Mitarbeiter oder als Doktoranden für ein ausgeschriebenes Promotionsthema. Wünschenswert ist die Wahl eines verwaltungsrechtlichen Schwerpunkts im Studium. Sehr wichtig sind auch gründliche Kenntnisse des Europarechts. Auslandsaufenthalte im Rahmen des Studiums oder eine Zusatzausbildung steigern die Chancen.

          Wissenschaftliche Arbeit ist kreativ – mit vielen Freiräumen zum eigenständigen Handeln: Bei Projekttreffen berichtet man über den Fortgang der Arbeit und tauscht sich fachlich aus. Kontakte zu anderen Wissenschaftlern sind programmiert, hängen in ihrer tatsächlichen Dimension aber vom Interesse des jeweiligen Mitarbeiters ab. Bezüglich der Soft Skills spielt Englisch am UFZ eine deutlich größere Rolle, als das im universitären rechtswissenschaftlichen Betrieb der Fall ist.

          Prof. Dr. Wolfgang Köck ist Umweltjurist am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und Inhaber des Lehrstuhls für Umweltrecht der Universität Leipzig.

          Ein Auslandssemester und Praktika sind Voraussetzung

          Juristen sind an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg in der Lehre und der Forschung tätig und als akademische Mitarbeiter angestellt. Sie haben bereits das erste und zweite juristische Staatsexamen erlangt und vermitteln Studierenden von technischen Studiengängen, aber auch Ökonomen juristisches Knowhow für deren zukünftigen Arbeitsalltag. Es handelt sich dabei um Rechtsbereiche mit Praxisbezug aus dem Zivilrecht, dem öffentlichen Recht und teilweise dem Strafrecht. Schwerpunkte liegen auf dem Wirtschaftsrecht und dem Umweltrecht, aber auch auf dem Europarecht.

          In der Forschung sind die Juristen außerdem für die Akquise von Drittmitteln zuständig und entwickeln die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den anderen Fachbereichen ständig weiter. Sie sind einer bestimmten Institution oder Fakultät und einer Professur oder einem Lehrstuhlinhaber zugeordnet, gearbeitet wird meist im Team. „Aufstiegsmöglichkeiten“ gibt es in der Regel nicht, da Sinn und Zweck einer akademischen Mitarbeit ist, den „Doctoriuris“ zu erwerben, also zu promovieren. Die Mitarbeit ist zeitlich begrenzt, die Arbeitsverträge sind befristet. In besonderen Ausnahmefällen kommt eine Entfristung in Betracht.

          Den promovierten Juristen bieten sich nach unseren Erfahrungen hervorragende Chancen, ins „normale“ Arbeitsleben einzusteigen. Sie arbeiten zum größten Teil in der Justiz, in Behörden, in der Anwaltschaft oder in der Wirtschaft. Wer sich für eine Stelle interessiert, sollte auf jeden Fall ein Auslandssemester absolviert haben. Außerdem helfen Praktika bei verschiedenen Institutionen, gerade auch in der Wirtschaft, bei der erfolgreichen Bewerbung für eine Stelle.

          Prof. Dr. Dr. Lothar Knopp ist Inhaber des Lehrstuhls für Staatsrecht, Verwaltungsrecht und Umweltrecht und leitet das Zentrum für Rechts- und Verwaltungswissenschaften der Brandenburgischen TU Cottbus-Senftenberg

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