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LL.M. im Ausland : Englischkönner mit Fachwissen

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„Viele Gespräche werden auf Englisch geführt“, beschreibt Anja Classen einen Teil ihrer Arbeit. Die 29-Jährige ist als Syndikusanwältin bei dem Großhandelsunternehmen Metro AG tätig. Bild: Metro AG

Vor allem dann, wenn Juraabsolventen später im internationalen Umfeld arbeiten möchten, bringt der englischsprachige Abschluss Master of Laws (LL.M.) handfeste Vorteile beim Berufseinstieg und im Berufsalltag.

          „Subtropisches Klima – kein Winter, phantastische Landschaften, herzliche Menschen und ein Leben im Freien. So klischeehaft das klingt, aber genau so – voller Lebensfreude – war das Flair während meiner Masterzeit in Neuseeland“, schwärmt Michael Ströbel über seinen einjährigen LL.M.-Studienaufenthalt an der University of Auckland, am anderen Ende der Welt. Das Studium hat er trotz alledem nicht vernachlässigt. Dort, wo viele Deutsche Urlaub machen, stürzte sich der heute 31-jährige M&A-Anwalt bei der Wirtschaftskanzlei Luther in Stuttgart in die Grundlagen des Corporate und Commercial Law, des internationalen Handels- und Wirtschaftsrechts, und in den Schwerpunkt IP/IT-Recht. „Das internationale Rechtsgeschäft läuft auf Englisch ab, und das, was man im internationalen Kontext als Commercial Law bezeichnet, fußt auf dem englischen Common Law, dem ungeschriebenen Gewohnheitsrecht, das vor allem im englischsprachigen Rechtskreis prägend ist. Da bot sich das englischsprachige Ausland an“, sagt Ströbel.

          Helen Trimbusch (29) ist heute Associate mit dem Schwerpunkt Gewerblicher Rechtsschutz bei der Wirtschaftskanzlei Beiten Burkhardt in Düsseldorf; Anja Classen ist seit Anfang 2017 als Anwältin bei der Metro AG im Einkauf tätig. Für beide war das englischsprachige Ausland ebenfalls die erste Wahl für den Master of Laws – und dabei insbesondere die fachliche passende Ausrichtung des LL.M. Das ist sinnvoll, spielt doch die Spezialisierung spätestens bei der Bewerbung für die erste Stelle nach dem Studium eine entscheidende Rolle. Trimbusch absolvierte 2016/2017 einen LL.M. mit Schwerpunkt European and International Intellectual Property Law am Trinity College in Dublin. Die Syndikusanwältin Classen verbrachte 2013/2014 ihr Masterjahr mit dem Schwerpunkt Europäisches Wirtschaftsrecht an der University of Kent in Canterbury/England.

          Wie das fachliche Wissen im englischsprachigen Ausland dann allerdings vermittelt wurde, das überraschte die Juristen Ströbel, Trimbusch und Classen gleichermaßen: „Die Kurse waren wesentlich interaktiver. Wir saßen mit den Dozenten an einem Tisch, tauschten uns über unsere Ideen zu einem juristischen Fall aus und diskutierten unsere Ansichten. Es wurde erwartet, dass man sich einbringt“, erklärt Ströbel. „Anders als in Deutschland, wo die Anwendung der Gesetze im Vordergrund steht, geht es vielmehr um Fragen, warum Fälle in einer bestimmten Weise entschieden werden, und darum, ob das so Sinn macht. Das habe ich in Deutschland vermisst“, sagt Trimbusch. Egal, ob einem diese Vorgehensweise gefällt oder nicht, für die Verbesserung der Fremdsprachenkenntnisse ist sie enorm hilfreich. „Nach zwei Semestern fühlte ich mich richtig sicher in der Sprache, und mit der Sicherheit wächst auch die Selbstsicherheit. Zurück in Deutschland, war ich fast ein bisschen enttäuscht, als ich in Bewerbungsgesprächen mein Englisch gar nicht mehr unter Beweis stellen musste“, so die 29-jährige Classen.

          Ein überschaubarer Campus und internationales Flair: Zwei Vorzüge der University of Kent in Canterbury/England, die Anja Classen gut in Erinnerung geblieben sind.

          LL.M. hilft bei der Bewerbung

          Wirtschaftskanzleien wie große Unternehmen erwarten von Juraabsolventen heute oftmals verhandlungssicheres Englisch. Wer also Fälle diskutiert und eine Masterthesis auf Englisch geschrieben hat, muss sich mit seinen schriftlichen und mündlichen Sprachkenntnissen nicht verstecken. Im Gegenteil: Unternehmen honorieren die Zusatzqualifikation als überzeugenden Nachweis für verhandlungssicheres Englisch. „Die Abschlussarbeiten werden auf Englisch geschrieben, die inhaltlichen Gespräche auf Englisch geführt. Der LL.M. ist also der beste Nachweis für Fremdsprachenkenntnisse, und die sind bei uns sehr wichtig“, erklärt Kim Wittmann, verantwortlich für das Recruiting bei der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft. Die Kanzlei mit rund 350 Anwälten und Steuerberatern in zehn deutschen Metropolen und sechs eigenen Auslands-büros in Europa und Asien stellt jährlich zwischen 40 und 50 Berufseinsteiger ein. Doch auch ohne LL.M. kann man als Anwalt bei Luther starten. „Am Ende zählen immer auch der Gesamteindruck und die fachliche Spezialisierung.“ Und diese muss keinesfalls im Ausland erbracht worden sein. Es könne hier schon die klare Spezialisierung im Studium und während der Referendariatszeit ausreichen.

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