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Kanzleitypen : „In Boutiquen und bei Mittelständlern geht man etwas flexibler mit Arbeits- und Präsenzzeiten um“

  • -Aktualisiert am

Bild: Bela Raba

Marius Mann ist Partner bei Lutz Abel in Stuttgart und Co-Autor von „Perspektiven für Juristen 2018“. Im Interview spricht er über die Kanzleitypen von heute.

          Herr Mann, Großkanzlei, Mittelständler oder Boutique – wo erwarten junge Anwälte die besten Karrierechancen?

          Das kommt darauf an, was man will. Wem ein hohes Gehalt und öffentlichkeitswirksame Topmandate wichtig sind, der geht in eine Großkanzlei, muss aber auch wissen, dass man hier viel zuarbeitet und in der Regel derzeit eher nur Counsel, aber wahrscheinlich nie Partner wird.

          Also muss man nach einigen Jahren wechseln, wenn man weiterkommen will?

          Ja, in Großkanzleien herrscht das Prinzip „up or out“, die Fluktuation ist verhältnismäßig hoch. Trotzdem sind die Großen nach wie vor beliebte Adressen für die besten Talente. Hier genießen die Associates eine exzellente Ausbildung. Trotzdem beobachte ich, dass immer mehr junge Anwälte für ihren Berufseinstieg andere Optionen ausloten.

          Zum Beispiel?

          Sie gehen in Unternehmen, in den Staatsdienst oder starten direkt in einer mittelständischen Kanzlei oder Boutique. Hier verdient man zu Beginn nicht ganz so viel wie bei den ganz Großen, dafür hat man direkt mehr Verantwortung, arbeitet ebenfalls an spannenden Mandaten und hat zudem beachtliche Entwicklungschancen.

          Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen Boutiquen und mittelständischen Kanzleien?

          Mittelständlern ist das unternehmerische Denken der Anwälte wichtig, deshalb sind auch schon Associates oftmals am Umsatz beteiligt. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass man hier seine Ideen, zum Beispiel in den Bereichen Marketing, Recruiting und Akquise gut einbringen kann – und soll. Bei den Boutiquen steht die Spezialisierung auf ein Fachgebiet an erster Stelle. Es herrschen flache Hierarchien und ein starkes Zugehörigkeitsgefühl.

          Wie sieht es mit der vielzitierten Work-Life-Balance in großen, mittleren und kleinen Kanzleien aus?

          In Boutiquen und bei Mittelständlern geht man etwas flexibler mit Arbeits- und Präsenzzeiten um – was nicht heißt, dass man wenig zu tun hat. Der Anwaltsberuf geht mit vielen, vielen Wochenstunden einher, egal in welcher Kanzlei man sitzt. Darüber müssen junge Juristen sich im Klaren sein.

          Sind sie sich das Ihrer Meinung nach?

          Ich glaube schon. Trotzdem hat sich das Verhältnis zwischen Bewerbern und Kanzleien verändert. Für die Generation Y stehen Gehalt und steile Karrieren nicht mehr an erster Stelle. Stattdessen suchen deren Vertreter spannende Aufgaben und Arbeitsumfelder, die zu ihnen passen.

          Wie stellen sich Kanzleien darauf ein?

          Zum einen gibt es Maßnahmen, die auf die von Ihnen zitierte Work-Life-Balance abzielen wie Gesundheitstage, Fortbildungsprogramme, Kinderbetreuung. Viel wichtiger erscheint mir aber, sich nahbar zu zeigen und früh Kontakt zu Studenten und Referendaren aufzunehmen – nicht nur über die Personalabteilung, sondern über persönlichen Kontakt von uns Anwälten selbst.

          Das Interview führte Julia Bröder.

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