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Arbeiten als Staatsanwältin : Ermitteln, anklagen, plädieren

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Stattdessen wurde Müller-Brandenstein während der Zeit in der Staatsanwaltschaft Mainz klar: Das will ich machen, und dafür strenge ich mich beim zweiten Staatsexamen noch einmal richtig an. Sie schaffte ein Befriedigend und hatte damit gute Voraussetzungen für die kommende Bewerbungsphase.

Die war erwartungsgemäß nicht ohne. Im Gespräch bekomme man immer wieder Rückfragen, die einen wohl verunsichern sollen. „Man muss Souveränität beweisen.“ Das hat Anja Müller-Brandenstein offensichtlich, denn sie bekam mehrere Zusagen – darunter die, im März 2017 als Staatsanwältin in Wiesbaden anzufangen. In den ersten drei Monaten wurden ihre Fälle noch von erfahreneren Kollegen gegengezeichnet, danach erhielt sie das „kleine Zeichnungsrecht“, das ihr erlaubte, alles außer Anklagen und Verfahrens­einstellungen selbständig zu verantworten. „Das war ein bisschen, als würde man über eine dünne Eisschicht laufen, und man hört es überall knacken“, erinnert sie sich. Denn das, was sie dafür gebraucht habe – Wissen und Erfahrung im Bereich Ermittlungstaktik und Beweisbarkeit –, lerne man nicht im Studium. Dort müsse man analytisch denken, was auch viel wert sei. Aber das, was ein Staatsanwalt in der strafrechtlichen Praxis können muss, lernt er „vor Ort“ und im Austausch mit Kollegen.

Abteilungsleiter werden gesiezt

Kollegen – ein guter Punkt. Bekommt man nicht Scheuklappen, wenn man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt und Akten bearbeitet? So ganz ohne Konferenzen oder regelmäßige Meetings? „Nein“, sagt Müller-Brandenstein. „Die Türen stehen immer offen, und wir sprechen miteinander über die Fälle. Man kann jederzeit zu einem Kollegen gehen, wenn man eine Frage hat.“ Die Umgangsformen sind dabei eher konservativ. Innerhalb einer Hierarchiestufe herrscht das Du, mit Abteilungs- und Behördenleitern siezt man sich.

Anja Müller-Brandenstein, 30, an ihrem Schreibtisch im Justizzentrum Wiesbaden.

Außerdem gibt es ja auch eine nicht unwesentliche Aufgabe, die außerhalb des Büros stattfindet: die Vertretung der Anklage vor Gericht in der Hauptverhandlung. So eine „Sitzung“ steht für Anja Müller-Brandenstein etwa ein- bis zweimal in der Woche auf dem Plan. Dann zieht sie ihre Robe an und nimmt zunächst links der Richter Platz. Für das Verlesen der Anklage, später für ein Plädoyer steht sie auf. Sie ist sehr zierlich, und man sieht ihr ihr junges Alter an. Hat sie dadurch Nachteile? „Nichts bringt einem mehr, als unterschätzt zu werden“, kommt die Antwort schlagfertig. Tatsächlich gebe es immer mal wieder Verteidigungsanwälte, die einen etwas herablassenden Ton an den Tag legen, wenn sie mit ihr sprechen. Dem müsse man mit Souveränität und Ruhe begegnen – genauso wie Stressresistenz zwei wichtige Eigenschaften für Staatsanwälte.

Inhaltlich sei ein gewisses weibliches Einfühlungsvermögen gerade in ihren Rechtsbereichen sogar von Vorteil, findet Müller-Brandenstein. Das bedeute aber natürlich auch, dass man bestimmte Fälle emotional nah an sich heranlasse. „Wenn zum Beispiel zwei Jugendliche einen Familienvater grundlos auf offener Straße verprügeln, begleitet mich diese Akte gedanklich nach Hause.“ Aushalten kann sie das, weil sie weiß, dass sie mit ihrer Arbeit dem Opfer die Anerkennung schafft, die es verdient hat – und im Optimalfall dafür sorgt, dass die Täter so etwas nicht noch einmal tun. „Im Jugendrecht wollen wir nicht vornehmlich bestrafen, sondern erziehen.“

Anja Müller-Brandenstein hat ihren Traumjob gefunden. Die hohe Zahl an Arbeitsstunden – 42 sind es locker – nimmt sie gern in Kauf, ebenso wie die „extrem anstrengenden“ Bereitschaftsdienste, in denen es vorkommen kann, dass sie nachts dreimal angerufen wird, weil die Polizei einen dringenden Beschluss benötigt. Dafür ist die Arbeitsstelle mit einem altersbedingten Monatseinkommen zwischen knapp 4.200 und knapp 7.000 Euro sicherer als etwa in der freien Wirtschaft. Als Nächstes steht die Verbeamtung an. Außerdem möchte Anja Müller-Brandenstein gern bei Gelegenheit die Abteilung wechseln. „Um mein Köfferchen mit dem Handwerkszeug einer guten Staatsanwältin weiter zu füllen.“ Die nächste Karrierestufe nach oben wäre Oberstaatsanwältin – eine Position, die sich die engagierte junge Frau durchaus vorstellen kann.

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