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Informatiker gesucht : Trail and Error

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Acht Bewerbungsgespräche, acht Zusagen: Valeria Reifschneider hatte die Qual der Wahl – und hat sich für die Beratung bei Capgemini entschieden. Bild: Capgemini

Informatik ist die neue Universalwissenschaft. Absolventen können sich ihren Arbeitgeber oft aussuchen. Aber gerade das ist ein Problem: Wie – bei all den Möglichkeiten – den Job finden, der zu einem passt?

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          Nach drei Jahren Bachelorstudium wusste Valeria Reifschneider, was sie nicht will: einen reinen Programmierjob, bei dem sie die Tage vor dem Bildschirm verbringt. „Das war aber schon alles, was ich sicher für mich ausschließen konnte“, sagt die Absolventin, die Internationale Wirtschaftsinformatik an der Dualen Hochschule in Mannheim studiert hat. Als sie im letzten Bachelorsemester in den gängigen Stellenportalen nach einem Job suchte, fand sie Ausschreibungen für Informatiker im Bereich Finanzen, im Verkauf, selbst im Personalmanagement. Überall, so schien es, konnte sie ihr Wissen aus dem Studium einbringen. Am Ende schrieb Reifschneider 15 Bewerbungen, ging zu acht Vorstellungsgesprächen, erhielt acht Zusagen. Für ihren ersten Job bei der IT-Beratung Capgemini entschied sie sich schließlich aus dem Bauch heraus.

          Begehrte Informatiker

          Reifschneiders Berufseinstieg liegt mittlerweile zwei Jahre zurück, doch an der Situation auf dem Arbeitsmarkt für IT-Absolventen hat sich nichts geändert: Informatiker sind begehrt wie nie. Im November 2016 meldete der Branchenverband Bitkom 51.000 offene Stellen für IT-Spezialisten in Deutschland. Sie arbeiten längst nicht mehr allein bei IT- und Telekommunikationsunternehmen. Auch die Industrie sucht nach IT-Spezialisten. Beim Zulieferer Bosch etwa hat jedes zweite Stellenangebot einen Bezug zur Informatik. Auch bei Start-ups, im Mittelstand und in der Beratung sind Informatiker heißbegehrt. Wie finden IT-Absolventen bei den vielen Möglichkeiten also den Arbeitsplatz, der zu ihnen passt?

          Zunächst einmal helfe es, sich klarzumachen, dass es zwar viele tausend Stellen für Informatiker gibt – aber längst nicht so viele unterschiedliche Berufsfelder, sagt Ricardo Corominas, Managing Director beim Personaldienstleister Michael Page. Der Wust an Stellenausschreibungen lässt sich im Prinzip in drei große Bereiche unterteilen: Systemadministration, Entwicklung und IT-Beratung. Welches Feld für welchen Absolventen am besten geeignet ist, hängt vom Typ ab: Wer gern tüftelt und Probleme löst, dabei aber gleichzeitig Kundenkontakt schätzt, ist in der Systemadministration gut aufgehoben. Dort sorgen IT-Spezialisten dafür, dass die Technik im Unternehmen funktioniert, sagt Corominas. Für IT-Absolventen, die viel programmieren möchten, eignen sich Jobs in der Entwicklung. Und wer sehr kontaktfreudig ist, die Abwechslung schätzt und vielleicht auch noch ein wenig unsicher ist, in welchen Bereich es ihn langfristig zieht, für den empfiehlt sich die Beratung.

          Perfekte Mischung

          Valeria Reifschneider arbeitet mittlerweile als Applications-Consultant bei Capgemini. Große Unternehmen kommen mit Problemen rund um die Unternehmenssoftware SAP auf sie zu. Die 24-Jährige entwickelt und programmiert die Lösungen. „Der Job ist für mich die perfekte Mischung aus fachlicher Abstimmung mit dem Kunden und technischer Umsetzung“, sagt Reifschneider. Ihr gefallen der enge Kontakt zum Kunden, die wechselnden Projekte und die Tatsache, dass sie nicht nur Lösungen entwickeln kann, sondern auch bei der Implementierung dabei ist. 

          Der Vorteil der Arbeit in der Beratung: Man ist weniger als anderswo auf einen Bereich festgelegt. Sollte Reifschneider in zwei oder drei Jahren entscheiden, dass sie nicht mehr programmieren möchte, sondern ihre berufliche Zukunft in der Projektleitung sieht, ist ein Wechsel möglich – und sogar erwünscht. „Es ist üblich, dass Mitarbeiter nach zwei Jahren eine andere Rolle oder ein anderes Projekt zugeteilt bekommen, wenn sie das wünschen“, sagt Thilo Hermann, Head of Innovation bei Capgemini. Die Beratungsgesellschaft beschäftigt einen sogenannten Linienverantwortlichen, der bei Gesprächen zur beruflichen Weiterentwicklung eines Mitarbeiters immer dabei ist. „Während der Projektleiter seinen Mitarbeiter am liebsten im Projekt halten würde, achtet der Linienverantwortliche darauf, dass die persönliche Entwicklung nicht zu kurz kommt“, sagt Hermann. So soll sichergestellt werden, dass Mitarbeiter in ihrem beruflichen Leben mehrere Stationen durchlaufen, selbst wenn Projekte über Jahre oder gar Jahrzehnte laufen.

          Der Kunde bestimmt

          In der Beratung programmieren und entwickeln Informatiker Lösungen für verschiedene Kunden. Doch bei der Umsetzung sind sie häufig nur am Anfang dabei. Wie das Ergebnis am Ende aussehen soll, bestimmt dabei der Kunde. Ein Produkt frei nach den eigenen Vorstellungen zu entwickeln und aufzubauen ist für IT-Experten schwer. David Linner hat sich deshalb nach seiner Promotion in Informatik und einem kurzen Zwischenspiel als Selbständiger für einen Job in einem Start-up entschieden. 2012 stieg er als Technischer Leiter und erster Entwickler beim Berliner Start-up Smartlaw ein, einem Internetdienst, der individuelle und unterschriftsfertige Verträge, Vereinbarungen oder Vollmachten zum Download anbietet.

          Das Geld war es nicht, das Linner lockte, denn branchenübliche oder gar überdurchschnittliche Gehälter zahlen Start-ups in der frühen Phase einer Gründung selten. „Wichtig war mir die Autonomie, die ich in meinem Job hatte. Bei Smartlaw konnte ich mich zu hundert Prozent auf das Produkt konzentrieren“, sagt er. Keine Meetings, keine Schulungen, kein „Das haben wir aber immer schon so gemacht“, gegen das er als Entwickler oft ankämpfen musste. Nur eine Idee, die technisch in die Tat umgesetzt werden musste. Bei Smartlaw war Linner der einzige Programmierer im Team. Seine Kollegen, allesamt Juristen, lieferten ihm zwar die Ideen und den Input, aber bei der technischen Umsetzung konnten sie nicht helfen. Linner fand eine Lösung.

          Das liegt nun fünf Jahre zurück. Inzwischen ist Smartlaw kein Start-up mehr. Zwei Jahre nach der Gründung im Jahr 2012 kaufte ein großer Dienstleister das Start-up. Mit der Eingliederung in den Konzern ging auch ein Stück Freiheit verloren: Die Mitarbeiter müssen sich stärker untereinander und mit dem Mutterkonzern abstimmen. Meetings in all ihren Varianten gehören mittlerweile zum festen Tagesablauf. War Programmieren in den ersten beiden Jahren noch seine Hauptaufgabe, verbringt Linner heute die Hälfte des Tages mit fachfremden Dingen. Für den 32-Jährigen ist das in Ordnung: „Wir haben einen starken Partner gewonnen und damit auch mehr Sicherheit. Viele Fragestellungen können wir viel unbeschwerter angehen“, sagt er.

          Feste Struktur und Sicherheit

          Anders als im Start-up, wo Informatiker zwar viel Freiheit genießen, aber oft auf sich allein gestellt sind, bieten Großkonzerne Berufseinsteigern eine gewisse Struktur und damit auch Sicherheit. „Der Einstieg ist leichter, weil man mehr Rückhalt von erfahrenen Kollegen hat“, sagt Personalberater Corominas. „Fehler eines Berufseinsteigers wiegen deshalb nicht so schwer wie beispielsweise bei einem Start-up, wo im schlimmsten Fall ein Projekt scheitern kann.“ Dafür ist der Wechsel zwischen den einzelnen Unternehmensbereichen in einem Konzern nicht so einfach wie in der Beratung und das Umfeld oft nicht so agil und flexibel wie im Start-up. Weil der Markt hart umkämpft ist, locken große Unternehmen IT-Absolventen daher verstärkt mit weichen Faktoren. 

          Der Zulieferer Bosch etwa wirbt mit einer guten Vereinbarkeit von Beruf und Familie um Talente im IT-Bereich. „Wir schauen auf die Ergebnisse der Arbeit unserer Mitarbeiter. Mobiles Arbeiten ist daher kein Problem, wir fördern es sogar“, sagt Vera Winter, die bei Bosch für den Bereich Nachwuchsgewinnung und Talentbindung verantwortlich ist. Die schleichende Abkehr von der Präsenzkultur ist auch eine Reaktion auf die veränderten Bedürfnisse und Wünsche der sogenannten Generation Y, also der jungen Menschen im Alter zwischen 20 und 34 Jahren, die dafür bekannt sind, Althergebrachtes in Frage zu stellen. Die große Mehrheit der heutigen IT-Absolventen gehört dieser Altersklasse an.

          Alternative zur Cloud

          Für Florian Berg war die Heimarbeit ein Grund, weshalb er sich nach der Promotion für Bosch als Arbeitgeber entschieden hat. Seit einem halben Jahr entwickelt er dort Lösungen für Situationen, in denen die Cloud nicht in Frage kommt, etwa weil Daten zu sensibel oder die Mengen zu gewaltig sind. Er ist Vater eines einjährigen Sohns. „Flexibilität war bei der Wahl meines Arbeitgebers ein wichtiges Kriterium“, sagt Berg.

          „Schlagwörter wie Homeoffice oder flexible Arbeitszeiten finden sich mittlerweile in vielen Stellenanzeigen für Informatiker. Ob Unternehmen dieses Versprechen halten und der Job auch inhaltlich und persönlich überzeugt, findet man jedoch nur durch Ausprobieren aus“, sagt Personalberater Corominas. „Trial and Error“ also.

          Als sich Valeria Reifschneider für Capgemini als erste Station ihres beruflichen Lebens entschied, hätte sie auch völlig danebenliegen können. Am Ende war es allein der sympathische Eindruck beim Vorstellungsgespräch, der die Absolventin dazu brachte, der Beratungsgesellschaft zuzusagen. „Man ist mit seinem Job nicht verheiratet“, sagt Reifschneider. „Wenn man feststellt, dass man sich im gewählten Beruf nicht weiterentwickelt, dann kann man als Informatiker leicht wechseln. Sich das klarzumachen nimmt viel Druck aus der Situation.“ Reifschneider hatte allerdings ein glückliches Händchen. Sie ist ihrem ersten Arbeitgeber bis heute treu geblieben.

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