https://www.faz.net/-i7g-9i9js

In Mathe promovieren : Scharnier zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

  • -Aktualisiert am

Das Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften (MPI-MiS) in Leipzig: Hier arbeiten Mathematiker daran, ihre Fachkenntnisse in anderen wissenschaftlichen Disziplinen anzuwenden. Bild: Gunter Binsack

Wer an sein Mathestudium eine Promotion anschließen möchte, findet spannende Doktorandenstellen an außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Doch welche Institution passt zu wem?

          5 Min.

          Alles kann, nichts muss“, antwortet Thomas Vogt von der Deutschen Mathematiker-Vereinigung in Berlin auf die Frage, ob Mathematiker auf ihr Studium noch eine Promotion draufpacken sollten. Mathematiker seien gesucht und fänden heute neben dem klassischen Einstieg in der Versicherungs- oder Bankenbranche in vielen anderen wachsenden Berufsfeldern spannende Einsatzmöglichkeiten; etwa in der Softwareentwicklung, der IT-Sicherheit, in der Bildbe- und -verarbeitung oder auch in der Logistik. Anders sieht es natürlich für diejenigen aus, die ihre berufliche Perspektive in der Wissenschaft sehen. „Hier ist die Promotion zwingend notwendig“, erklärt er weiter. Doch auch für ambitionierte Absolventen, die einmal als Projekt- oder Teamleiter in die Industrie gehen wollen, ist der Doktortitel förderlich. Und so hat sich auch Stephan Höcker für eine Promotion entschieden.

          Ehrlicherweise habe er mit der Entscheidung gerungen, sagt der 27-jährige Mathematiker. „Denn ich wusste, dass ich später nicht in die akademische Forschung gehen will.“ Seit rund einem Jahr arbeitet er nun als Doktorand am Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik (ITWM) in Kaiserslautern im Bereich Strömungs- und Materialsimulation. Letztlich habe ihn der Wunsch, vor dem Schritt in die Industrie noch tiefer in ein Thema einzusteigen und dabei eigenverantwortlich zu arbeiten, von einer Promotion überzeugt.

          Raffaella Mulas arbeitet an einem mathematischen Problem, das sie in der Chemie anwenden möchte.

          Wer sich wie Höcker nach dem Mathestudium zur Promotion entschließt, kann verschiedene Wege einschlagen. Neben einer klassischen Doktorandenstelle am Lehrstuhl oder der Einbindung in ein Graduiertenkolleg an der Uni gibt es in Deutschland auch außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, die spannende Forschungsthemen bieten. Doch was zeichnet sie aus, und wie findet man die richtige?

          Straffer Zeitplan

          Höckers Entscheidung für das ITWM war naheliegend und pragmatisch: „Ich wollte praxisnah und anwendungsorientiert promovieren und ein überschaubares Thema bearbeiten.“ An Lehraufträgen, wie man sie als Doktorand an der Uni hat, hatte er kein Interesse; und sein Forschungsthema sollte zu seinem bisherigen Schwerpunkt Strömungsmechanik passen. Im Zeitrahmen von drei Jahren will er sein Projekt abschließen und am Ende ein kohärentes Simulationsmodell entwickelt haben.

          „Das Besondere am Modell in Kaiserslautern“, erläutert Nicole Marheineke, Professorin an der Uni Trier, „ist, dass die Doktoranden nicht über Projekte finanziert werden, sondern dass sie jeweils ein Forschungsstipendium über drei Jahre erhalten. In der Zeit können sie sich voll auf ihre Grundlagenforschung konzentrieren und haben keinen Projektdruck.“ Der positive Effekt: Die meisten schließen ihre Arbeit in drei Jahren ab. Danach ist der Schritt in eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung in der Wirtschaft leicht. „Die Erfahrungen aus der Promotionszeit, wie im Team Absprachen zu treffen, eine Projektarbeit sinnvoll zu gliedern, gemeinsam Themen zu diskutieren – all das kann man vorweisen, und das hilft bei der Arbeit im Unternehmen“, so Marheineke. Doch auch eine wissenschaftliche Karriere sei weiterhin nicht ausgeschlossen. Denn die außeruniversitären Forschungseinrichtungen funktionierten alle wie ein Scharnier zwischen Wirtschaft und Wissenschaft.

          Internationaler Austausch

          Für diejenigen, die in der Wissenschaft bleiben möchten, bietet sich eine Bewerbung an einem der beiden Max-Planck-Institute mit Mathe-Schwerpunkt, dem MPI für Mathematik (MPI-M) in Bonn oder dem MPI für Mathematik in den Naturwissenschaften (MPI-MiS) in Leipzig, an. „Unser Anspruch ist es, interdisziplinär und so forschungsnah zu arbeiten, dass die Leute in der Wissenschaft Karriere machen können“, sagt Jörg Lehnert, Wissenschaftskoordinator am MPI-MiS. Einige ehemalige Doktoranden sind inzwischen Inhaber von Professuren. Erklärtes Ziel seit der Gründung der Max-Planck-Gesellschaft, der Dachorganisation aller 84 MPI-Institute und Einrichtungen, im Jahr 1948 ist es, exzellente und innovative Grundlagenforschung zu betreiben. Nicht von ungefähr kommen 18 Nobelpreisträger aus ihren Reihen.

          Topmeldungen

          Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

          Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?