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Tipps für die Bewerbung : Arbeitszeugnisse richtig lesen: Jede Menge Floskeln

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Zeugnisse sind wichtig für den Erfolg in der Bewerbung. Doch was bedeuten die berühmten Floskeln darin tatsächlich? Bild: Rostislav_Sedlacek/Thinkstock/Getty Images

Viele Arbeitszeugnisse beinhalten Standardformulierungen. Doch was bedeuten die Floskeln im Zeugnis? Und welche Rolle spielen Zeugnisse bei Bewerbungen? So wählt man aus, welche Arbeitszeugnisse der nächsten Bewerbung angehängt werden sollten.

          „Wir wünschen ihm das Allerbeste.“ Mit diesem Satz endete ein Arbeitszeugnis, das ein Unternehmen seinem Mitarbeiter aushändigte, weil dieser den Job wechselte. Der fand das übertrieben und fürchtete, dass sich dahinter eine schlechte Leistungsbewertung verstecken könnte. Der frühere Arbeitgeber war sich dagegen keiner bösen Absicht bewusst und fiel aus allen Wolken, als der Ex-Mitarbeiter das Zeugnis ändern lassen wollte. Es sind strittige Formulierungen aus Arbeitszeugnissen wie diese, von denen der Arbeitsrechtler Harald Schwamborn aus seiner Praxis als Rechtsanwalt zu berichten weiß. Für den Fachanwalt war die Abschiedsformel negativ besetzt. „Ich sehe in dieser übertreibenden Formulierung eine Verschlüsselung für eine schlechte Bewertung“, sagt Schwamborn. Normalerweise hätte man dem Angestellten „alles Gute“ gewünscht.

          Arbeitszeugnisse spielen im Bewerbungsprozess eine wichtige Rolle, geben sie doch Personalern Aufschluss darüber, wie zufrieden bisherige Arbeitgeber mit Leistung, Motivation oder Führung des Mitarbeiters waren. Zugleich ist das, was in den Zeugnissen an wohlwollenden und höflichen Aussagen steht, für viele schwer zu enträtseln. Der Ursprung für viele Missverständnisse findet sich in der deutschen Rechtsprechung. Sie schreibt vor, dass ein Zeugnis angemessen und wohlwollend zu klingen habe. Deshalb findet sich in vielen Beurteilungen kein schlechtes Wort, selbst wenn der Arbeitgeber mit der Leistung seines Beschäftigten nicht zufrieden war.

          Zeugnisse voll von Floskeln

          In der Praxis bedeutet dies, dass das Zeugnis auf den ersten Blick überquillt von nett klingenden Formulierungen und höflichen Floskeln, die aber oft eine andere Aussage und Botschaft haben. Nur einige Beispiele für typische Standardformulierungen: War jemand „gut“ motiviert, reicht das lediglich für die Schulnote Drei; eine „hohe“ Motivation entspricht einer Zwei, „ausgezeichnet“ einer Eins.

          Ähnlich gilt das auch beim Thema Leistung. Wer dort eine Eins erwartet, muss „Aufgaben zur vollsten oder zur uneingeschränkten Zufriedenheit“ ausgeführt haben. Steht nur „zu unserer Zufriedenheit“ da, entspricht das einer Vier. Generell gilt: Je mehr Superlative wie „vollste“ oder „außerordentlich“ im Arbeitszeugnis zu finden sind und je konstanter die Leistung mit „immer“ und „stets“ umschrieben wird, um so zufriedener war der Arbeitgeber. Allerdings kann das auch in die Irre führen: Wer „stets bemüht war“, war im Arbeitsalltag nicht wirklich sehr produktiv.

          Leerstellen im Arbeitszeugnis schlecht für Bewerbung

          Doch das sind nicht die einzigen Fallstricke. Negativ fallen im Zeugnis Leerstellen auf, wenn zum Beispiel die Leistung des Beschäftigten nicht bewertet wird, konkretere Aussagen dazu also fehlen. Steht im Zeugnis etwa kommentarlos „Wir danken für seine Mitarbeit“, war der Arbeitgeber sichtlich unzufrieden. Ähnliches gilt auch für den häufigen Einsatz von Passivformulierungen statt Aktivsätzen. Wenn dem Arbeitnehmer „Aufgaben übertragen“, er „angewiesen“ oder in einer Filiale oder Abteilung „eingesetzt“ wurde, dann war das Unternehmen nicht sonderlich zufrieden mit dem Beschäftigten.

          Diese Feinheiten zu entdecken ist nicht ganz einfach. Karriereberater Gerhard Winkler hatte immer wieder Klienten, die glücklich ein vermeintlich prima Zeugnis in der Hand hielten und dann bei der Feinanalyse aus allen Wolken fielen, als ihnen die negative Bedeutung bewusst wurde. „Viele lesen das Arbeitszeugnis zu oberflächlich“, konstatiert Winkler.

          Arbeitsrechtler Schwamborn empfiehlt deshalb, das Zeugnis Wort für Wort zu lesen und darauf zu achten, ob man an bestimmten Formulierungen hängenbleibe, die vom normalen Sprachgebrauch abweichen. „Sind Wörter in ihrer Bedeutung unklar oder haben sie im Kontext einer Leistungsbewertung nichts zu suchen, sollte man stutzig werden und das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen“, sagt er. Ein wirklich gutes Zeugnis erkennt man laut Winkler ohnehin daran, ob der Text frei von Textbausteinen sei. „Wenn sich der Arbeitgeber sprachlich große Mühe gegeben hat, hat er viel Zeit und damit Geld investiert“, sagt er. Dies zeige, dass er mit der Arbeit des Mitarbeiters sehr zufrieden gewesen sei.

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