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Versicherungsbranche : Begehrte Querdenker

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Spagat für die Versicherer

„Wenn sich Versicherer an die neuen Marktbedingungen anpassen und einen Kulturwandel vollziehen wollen, müssen sie gut und anders ausgebildete Querdenker für ihre Branche begeistern“, sagt Jörg von Fürstenwerth vom GDV. „Die Digitalisierung erfordert von den Versicherern einen doppelten Spagat. Zum einen müssen sie die besten Produkte für die Digital Natives entwickeln und trotz aller Individualität das Versichertenkollektiv stärken. Zum anderen gilt es, die erfahrenen Mitarbeiter in die neue Arbeitswelt mitzunehmen und gleichzeitig für junge Mitarbeiter mit neuen Qualifikationen attraktiv zu sein.“ Erschwert wird das Unterfangen dadurch, dass die Versicherungsbranche nicht gerade das beste Image genießt: Zweifelhafte Vertriebsmethoden und das Schüren von Verlustängsten, gegen die man sich selbstverständlich mit einem anständigen Obolus versichern könne, haben über Jahrzehnte hinweg dazu beigetragen.

„Ich hätte nicht gedacht, nach dem Studienende bei einer Versicherung zu landen“, sagt Martin Ballerstein, Teamleiter Tarifierung und Marktbeobachtung bei der Huk Coburg. Ballerstein studierte an der Universität Magdeburg Wirtschaftsmathematik und promovierte anschließend an der ETH Zürich über mathematische Verfahren zur Optimierung von chemischen Prozessen. Doch statt in der chemischen Industrie oder im Maschinenbau einzusteigen, war gleich das erste Bewerbungsgespräch beim Coburger Privatkundenversicherer erfolgreich, das Aufgabenfeld spannend: „Es gilt, verständlich zu machen, was hinter den vielen Zahlen steckt, die in einem Versicherungsunternehmen ständig anfallen. Außerdem müssen sie in verschiedenen Prozessen so aufgearbeitet werden, dass die Produkte noch passgenauer für den Kunden werden.“

Gründerzentrum Zollhof in Nürnberg: Hier arbeiten junge Experten, die Versicherungen bei der Digitalisierung helfen.

Ballerstein schätzt an seinem Arbeitsumfeld im Bereich Digitalisierung, dass es ohne große hierarchische Strukturen auskommt und stattdessen ressortübergreifend gearbeitet wird. „In Schleifen zusammenarbeiten“ beschreibt der 34-Jährige diesen Prozess. „Dadurch kommt man sehr schnell gemeinsam ans Ziel.“ Inzwischen führt Ballerstein ein Team von zehn Mitarbeitern.

„Wir suchen Menschen, die ressortübergreifend denken können und die die Bereitschaft mitbringen, sich in neue Themen einzuarbeiten, um so Veränderungsprozesse mitzugestalten“, sagt Sarah Rössler, Vorstand Finanzen und Personal bei der Huk Coburg. „Im Zuge der Digitalisierung unseres Unternehmens geht es nicht nur darum, interne Prozesse zu verbessern, sondern auch neue Geschäftschancen zu entdecken und unsere Kernkompetenzen, etwa im Bereich der Autoversicherungen, auszubauen.“ So werden bei der Huk Coburg mittlerweile Fahrdaten per App gemessen. Diese Daten fließen in die Berechnung der Kfz-Versicherung ein – Versicherte können mit einer vernünftigen Fahrweise von günstigeren Prämien profitieren. „Mobilität kann aber noch viel weiter gestrickt werden, etwa wenn es um das Thema Parken oder Tanken geht“, erläutert Rössler. „Hier stecken wir noch mitten in Überlegungen.“ Helfen soll dabei die Zusammenarbeit mit verschiedenen Hochschulen oder auch mit dem digitalen Gründerzentrum Zollhof in Nürnberg. Dort werden Digitalisierungsprojekte gefördert. „Damit erreichen wir auch diejenigen, die nicht als Erstes daran denken, ihre berufliche Karriere bei einer Versicherung zu starten“, sagt Rössler. Um die 50 bis 60 Hochschulabsolventen sucht die Versicherung jährlich, doch bei der reinen Rekrutierung bleibt es nicht. „Wir fördern auch die akademische Weiterbildung unserer Mitarbeiter, etwa wenn jemand einen Bachelor hat und seinen Master machen möchte.“ Absolventen werden im Regelfall direkt auf ein Thema angesetzt, „und das bedeutet, sofort auch Verantwortung zu übernehmen“, erklärt Rössler.

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