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Versicherungsbranche : Begehrte Querdenker

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Im Wettbewerb um qualifizierte Talente und High Potentials versuchen die Versicherungsunternehmen, vor allem im eigenen Haus digitales Wissen aufzubauen. Schlagzeilen wie vor Monaten bei der Allianz, in denen die Digitalisierung mit Stellenstreichungen gleichgesetzt wurde, wirken sich kontraproduktiv aus. Denn wer motiviert ist, nutzt gerade in der Versicherungsbranche die neuen Möglichkeiten, seine Karriere zu beschleunigen: Wie etwa der 37-jährige Dieter Kiesenbauer. Der studierte Wirtschaftsmathematiker und promovierte Versicherungswissenschaftler war von 2011 bis 2017 im Ressort Global Automo­tive bei der Allianz-Versicherung tätig, zuletzt als Bereichsleiter für das Produkt- und Portfoliomanagement. In diesem Jahr tat er sich mit seinem Kollegen Silvan Saxer, ehemals Teamleiter in der IT bei der Basler Versicherung, zusammen. Gemeinsam gründeten sie in Berlin den ersten digitalen Autoversicherer Friday mit eigener Versicherungslizenz in Deutschland. Friday bietet seit März dieses Jahres innovative Versicherungsprodukte an, die sich an den sich ändernden Kundenbedürfnissen in der Onlinewelt orientieren. „Was wir in den ersten sechs Monaten bei Friday auf den Weg gebracht haben, wäre in vielen Versicherungskonzernen nicht in zwei Jahren zu schaffen gewesen. Allein schon die komplexen Strukturen und der enorme Abstimmungsbedarf verzögern Veränderungen. Daher fällt es Konzernen auch entsprechend schwer, den digitalen Wandel mit der notwendigen Konsequenz und dem dafür nötigen Fokus voranzutreiben“, sagt Kiesenbauer. „Wir haben nach wenigen Monaten bereits Marktstandards gesetzt. Dazu gehört etwa, dass wir die erste Autoversicherung entwickelt haben, die man monatlich kündigen kann, oder die erste Autoversicherung, die nach Verbrauch abgerechnet wird.“

Arbeitsumfeld ändert sich ständig

Kiesenbauer und Saxer schätzen die agile Arbeitsweise, die die Digitalisierung in der Versicherungswirtschaft mit sich bringt. Arag-Managerin Baumann sieht das ähnlich. Sie skizziert die sich daraus ergebenden neuen Anforderungen wie folgt: „Gerade das Arbeitsumfeld von Hochschulabsolventen wird sich zukünftig alle drei bis fünf Jahre ändern. Die Dynamik des Wandels erfordert von den Mitarbeitern, sich immer wieder anzupassen.“ Sarah Rössler von der Huk ergänzt: „Wir versuchen, mit einer vorausschauenden Personalpolitik den Übergang ins digitale Zeitalter zu gestalten, gleichzeitig Verständnis bei den Mitarbeitern für die Veränderungsprozesse zu wecken und sie für neue Aufgaben zu begeistern.“ Dabei ist die Huk nicht auf spezielle Berufsfelder fixiert. „Zu uns passen nicht nur Mathematiker, sondern Absolventen aus allen Bereichen – bei uns arbeiten auch Ärzte, Bioinformatiker, Astrophysiker oder Politologen.“

Doch wie soll man sich entscheiden: Arbeiten für ein etabliertes, namhaftes Versicherungsunternehmen mit soliden Strukturen oder für ein unbekanntes Start-up mit eher unsteten, improvisierten Abläufen? Dominik Bark, Chief Insur­ance Officer bei Simplesurance, der früher ein großes Team bei der Zurich Insurance Group leitete, glaubt daran, dass die beiden Seiten gerade in Kooperationen voneinander profitieren: „Start-ups lernen von der Expertise der traditionsreichen Häuser, erhalten Einblick in historische Daten, den Kundenstamm und das langjährige Knowhow über Produkte und Lebenszyklen. Natürlich spielen auch die Markenbekanntheit und die finanziellen Ressourcen eine wichtige Rolle.“ Nach Ansicht von Bark können beide Seiten profitieren: „Versicherungen gewinnen von der Flexibilität und den technologischen Innovationen von Insurtechs, die sich schneller auf sozioökonomische Veränderungen einstellen können. Start-ups haben Mut zur Innovation, den sich Versicherungen abgucken müssen. Deshalb sollten Insurtechs und traditionelle Versicherungen unbedingt kooperieren.“

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