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Besuch bei Minds Medical : Künstliche Intelligenz für das Krankenhaus

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Heute lacht Lukas Naab, wenn er davon erzählt, doch es ist ihm anzumerken, dass es eine schwierige Zeit war. Der Zufall will es, dass das Minds-Medical-Team mit dem Geschäftsführer einer Versicherung in Kontakt kommt. „Bis dahin hatten wir nur Krankenhäuser auf dem Schirm, aber Privatversicherer arbeiten ebenso mit Arztberichten. Für uns ergab sich plötzlich ein zweites Standbein.“ Es klappt, sie kommen ins Geschäft mit einer Privatversicherung. Minds Medical ist gerettet.

Herausforderung Systemzusammenführung

In der Gesundheitsbranche lauern für junge Unternehmen einige Hindernisse. Auch Lukas Naab, Matthias Bay und ihr Team haben diese Erfahrung gemacht. Etwa, dass man in diesem Bereich viel Zeit und Geduld mitbringen muss. „Das System ‚Krankenhaus‘ ist recht schwerfällig, zumal dort langfristig geplant wird: Wenn eine Einrichtung in eine neue Software investiert, soll diese möglichst mehrere Jahre laufen. Doch ist die Firma, die das Programm anbietet, erst wenige Monate alt, hält sich das Krankenhaus eher zurück.“ Hinzu komme, dass es sehr komplex ist, eine Software in einem Krankenhaus zu integrieren, ergänzt Naab. „Weil es dort zahlreiche Systeme gibt, die noch nicht oder nicht gut miteinander verbunden sind. Wenn zum Beispiel die Radiologie ein anderes Programm nutzt als die Notaufnahme, aber die Daten eines Patienten verknüpft werden sollen – das ist eine Herausforderung.“

Andere E-Health-Start-ups stehen – je nach Produkt oder Idee – vor weiteren Bestimmungen und Regularien, berichtet Ekaterina Alipiev. Sie leitet den Healthcare-Hub von Pfizer in Berlin und ist Gründerin von Jourvie, einer App, die Patienten mit Essstörung bei der Therapie unterstützt. „Bei einer Gesundheits-App zum Beispiel muss anhand der Zweckbestimmung unterschieden werden: Dient sie beispielsweise der Information, oder stellt sie eine Diagnose? Wenn sie eine Diagnose stellt, gilt die App sehr wahrscheinlich als Medizinprodukt – dann muss sie zertifiziert werden.“ Viele Gründer versuchten die Zertifizierung, die sehr aufwendig sein kann, zu umgehen, und verzichten auf bestimmte Funktionalitäten, sagt Alipiev. Zudem gibt es das Heilmittelwerbegesetz. Firmen müssten sehr genau darauf achten, welche Werbeaussagen für ihr Produkt oder ihre Anwendung zulässig sind, erklärt Alipiev.

Eine weitere Hürde für viele Start-ups sind die Erstattungslogiken der Krankenkassen: Nach welchen Kriterien erstatten sie Leitungen, welche Anforderungen stellen sie an die Produkte? „Für Gründer ist es häufig schwierig zu erfahren, welche Nachweise sie erbringen müssen“, erklärt Ekaterina Alipiev. Sie rät, sich zunächst ein umfangreiches Bild von dem Umfeld, in dem das Produkt eingesetzt werden soll, zu verschaffen und sich genau zu überlegen, wie man den Markteintritt bewerkstelligen möchte.

Thema Datensicherheit

Heilmittelwerbegesetz, Medizinproduktbestimmungen, Zertifizierung: Wie sieht es damit bei Minds Medical aus? „Unsere Software gilt als administratives Tool, insofern betrifft uns das nicht“, erklärt Lukas Naab. Ein wichtiges Thema, mit dem sich Minds Medical dennoch ausführlich auseinandersetzt: Datenschutzbestimmungen. „Da wir unsere Software in bestehende Systeme integrieren, liegt die Sicherheit der Daten beim Kunden“, sagt Naab.

Inzwischen zählt Minds Medical acht Mitarbeiter, sie sind zwischen 19 und 36 Jahre alt, im Februar sind sie in das Büro in der Frankfurter Innenstadt gezogen. Auf das klassische 9-to-5-Modell legen Naab und Bay keinen Wert: „Ein Entwickler arbeitet zum Beispiel von Rumänien aus. Wir haben zwar feste Termine, aber daneben kann das Team sich die Zeit frei einteilen. Mir geht es darum, dass es die Firma weiterbringt.“ Vor kurzem hat Minds Medical den Frankfurter Gründerpreis gewonnen. Ob er in den vergangenen Jahren irgendwann einmal an dem Entschluss, eine Firma zu gründen, gezweifelt hat? „Nein“, sagt Lukas Naab. „Ich wollte als Kind Arzt werden. Jetzt verbessere ich auf andere Weise die Situation. Das treibt mich an.“ Trotz des unternehmerischen Risikos, der vielen Bestimmungen, der strukturell schwierigen Branche? „Ja, das Gesundheitswesen ist schwerfällig. Aber hier wird in den kommenden Jahren einiges passieren. Was Künstliche Intelligenz alles leisten kann, sowohl im Bereich Automatisierung als auch bei der Verbesserung der medizinischen Fähigkeiten – das ist der Kracher!“ Lukas Naab ist begeistert. „Es gibt noch viel zu tun.“

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