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Besuch bei Minds Medical : Künstliche Intelligenz für das Krankenhaus

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Matthias Bay und Lukas Naab in ihren Büroräumen: Die beiden Gründer von Minds Medical arbeiten an einer Software, die Ärzten das Führen von Patientenakten erleichtern soll. Bild: Dirk Beichert

Das Frankfurter Start-up Minds Medical will mit seiner Software Prozesse in Krankenhäusern und Versicherungen verbessern. Die ersten Schritte der Gründung waren aufregend – und teilweise herausfordernd. Ein Ortsbesuch.

          Die Grafik, die an der Tür zum Gemeinschaftsbüro hängt, zeigt ein verschachteltes System von unzähligen Begriffen und Pfeilen. „Das Gesundheitswesen in Deutschland“ steht darüber. Jemand hat mit Textmarker daneben geschrieben: „What could go wrong?“ Die Tür ist angelehnt, drinnen sitzen drei Mitarbeiter von Minds Medical und arbeiten konzentriert.

          Einiges, was falsch laufen könnte im Gesundheitswesen, hat Lukas Naab, 35 Jahre alt, in den vergangenen zweieinhalb Jahren erlebt. Jetzt sagt er: „Inzwischen kenne ich mich in der Branche ganz gut aus.“ Naab ist Geschäftsführer der Firma Minds Medical, die er gemeinsam mit zwei Freunden gegründet hat. Das Start-up entwickelt eine Künstliche Intelligenz, die Arztberichte in ein Codesystem überträgt und dadurch sowohl Mediziner als auch Krankenversicherungen entlastet.

          Von draußen dringt Lärm herein. Das helle, rund 150 Quadratmeter große Büro liegt in der Innenstadt von Frankfurt am Main, unten rauscht der Verkehr vorbei, direkt neben dem Gebäude ist eine große Baustelle. „Wenn man eigene Büroräume bezieht und einen Fünfjahresmietvertrag unterschreibt – das ist noch mal ein ganz anderes Gefühl. Jetzt muss es laufen“, sagt Lukas Naab.

          Typische Start-up-Atmosphäre mitten in der Frankfurter Innenstadt: Hier arbeitet das Team von Minds Medical.

          Ineffizienz bei administrativen Aufgaben

          Bis zum Physikum studiert er Medizin – „da kommt meine Affinität zur Gesundheitsbranche her“, sagt Naab. Doch das Studium macht ihm keinen Spaß, er wechselt den Fachbereich, studiert Politik- und Religionswissenschaft. Dennoch lassen ihn Fragen rund um das Gesundheitswesen in dieser Zeit nicht los, und die Idee für Minds Medical entsteht. Seine damalige Freundin arbeitet als Ärztin und stellt fest: Statt sich um Menschen zu kümmern, wie sie es im Studium gelernt hat, stehen administrative Aufgaben auf dem Plan – stundenlang muss sie Arztberichte schreiben und anschließend die jeweiligen Diagnosen in sogenannte ICD-10-Codes übertragen, ein von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenes System mit 80.000 Codes, die Krankheiten genau differenzieren. Anhand dieser Codes bekommen Krankenhäuser ihre Kosten von den Krankenkassen erstattet. Ein – je nach Patient oder Krankheit – zuweilen sehr komplexer Prozess, den Ärzte in ihrem Studium nicht lernen. Dass solch ein Vorgang noch nicht automatisiert ist, kann Naab sich damals kaum vorstellen. „Was für eine extreme Ineffizienz! Da geht viel Geld verloren“, meint er. Zwar gebe es in Deutschland etwa 6.200 Kodierfachkräfte, die 20 Millionen Fälle verschlüsseln müssen, erklärt er. Doch: „Es ist zu wenig Personal. Das bedeutet, dass viele Krankenhäuser auf Tausenden Patientenfällen sitzen, die aus Zeitgründen nicht abgerechnet werden.“

          Diese Beobachtung lässt Lukas Naab nicht los. Also beginnt er, sich systematisch damit zu beschäftigen, und gewinnt einen Freund für seine Vision, Prozesse im Gesundheitswesen zu verbessern: Matthias Bay ist Informatiker. Ein dritter Bekannter stößt hinzu, gemeinsam gründen sie im Juni 2016 Minds Medical. Sie entwickeln ein Programm, das die Verschlüsselung der Arztberichte vereinfacht: „Unsere Software lernt anhand von Patientenakten, die jeweilige Diagnose auszulesen, so dass sie in neugeschriebenen Akten die Krankheit erkennt und in die Codes überträgt.“

          Der Vater als Vorbild

          Große Bedenken vor der Existenzgründung hatte Lukas Naab nicht: „Mein Vater hat selbständig gearbeitet, das bekam ich also vorgelebt. Hinzu kommt: Ich mag es, eigenständig zu arbeiten, und ich erledige ungern Aufgaben, deren Sinn ich nicht erkenne. Mit der Gründung habe ich einen Gestaltungsspielraum, den ich als Angestellter in dieser Form niemals habe.“ Stehe erst mal der Entschluss zur eigenen Firma, sei Netzwerken extrem wichtig – Fachtagungen und Kongresse besuchen, Kontakte pflegen. Man müsse „seine“ Branche gut kennen, meint Naab.

          Den Businessplan schreiben, einen Prototyp der Software bauen, sich weitere Expertise aufbauen und Kontakte knüpfen – das alles machen sie anfangs neben ihren regulären Jobs, in denen sie zunächst weiterarbeiten. Sie kommen gut voran, ihr Vorhaben wird konkret, sie steigen Vollzeit in ihr Start-up ein, und Anfang 2017 sieht es so aus, als würden sie eine Krankenhauskette als Investor gewinnen. Doch wenige Monate später, im Sommer 2017, ist die Situation nicht mehr so rosig: Die Krankenhauskette springt ab. Ein ziemlicher Rückschlag, zumal das Gründerstipendium kurz darauf auslaufen wird. Wie es mit Minds Medical weitergehen wird, steht mehrere Wochen auf der Kippe. „Das war eine krasse Zeit mit einigen schlaflosen Nächten.“

          Heute lacht Lukas Naab, wenn er davon erzählt, doch es ist ihm anzumerken, dass es eine schwierige Zeit war. Der Zufall will es, dass das Minds-Medical-Team mit dem Geschäftsführer einer Versicherung in Kontakt kommt. „Bis dahin hatten wir nur Krankenhäuser auf dem Schirm, aber Privatversicherer arbeiten ebenso mit Arztberichten. Für uns ergab sich plötzlich ein zweites Standbein.“ Es klappt, sie kommen ins Geschäft mit einer Privatversicherung. Minds Medical ist gerettet.

          Herausforderung Systemzusammenführung

          In der Gesundheitsbranche lauern für junge Unternehmen einige Hindernisse. Auch Lukas Naab, Matthias Bay und ihr Team haben diese Erfahrung gemacht. Etwa, dass man in diesem Bereich viel Zeit und Geduld mitbringen muss. „Das System ‚Krankenhaus‘ ist recht schwerfällig, zumal dort langfristig geplant wird: Wenn eine Einrichtung in eine neue Software investiert, soll diese möglichst mehrere Jahre laufen. Doch ist die Firma, die das Programm anbietet, erst wenige Monate alt, hält sich das Krankenhaus eher zurück.“ Hinzu komme, dass es sehr komplex ist, eine Software in einem Krankenhaus zu integrieren, ergänzt Naab. „Weil es dort zahlreiche Systeme gibt, die noch nicht oder nicht gut miteinander verbunden sind. Wenn zum Beispiel die Radiologie ein anderes Programm nutzt als die Notaufnahme, aber die Daten eines Patienten verknüpft werden sollen – das ist eine Herausforderung.“

          Andere E-Health-Start-ups stehen – je nach Produkt oder Idee – vor weiteren Bestimmungen und Regularien, berichtet Ekaterina Alipiev. Sie leitet den Healthcare-Hub von Pfizer in Berlin und ist Gründerin von Jourvie, einer App, die Patienten mit Essstörung bei der Therapie unterstützt. „Bei einer Gesundheits-App zum Beispiel muss anhand der Zweckbestimmung unterschieden werden: Dient sie beispielsweise der Information, oder stellt sie eine Diagnose? Wenn sie eine Diagnose stellt, gilt die App sehr wahrscheinlich als Medizinprodukt – dann muss sie zertifiziert werden.“ Viele Gründer versuchten die Zertifizierung, die sehr aufwendig sein kann, zu umgehen, und verzichten auf bestimmte Funktionalitäten, sagt Alipiev. Zudem gibt es das Heilmittelwerbegesetz. Firmen müssten sehr genau darauf achten, welche Werbeaussagen für ihr Produkt oder ihre Anwendung zulässig sind, erklärt Alipiev.

          Eine weitere Hürde für viele Start-ups sind die Erstattungslogiken der Krankenkassen: Nach welchen Kriterien erstatten sie Leitungen, welche Anforderungen stellen sie an die Produkte? „Für Gründer ist es häufig schwierig zu erfahren, welche Nachweise sie erbringen müssen“, erklärt Ekaterina Alipiev. Sie rät, sich zunächst ein umfangreiches Bild von dem Umfeld, in dem das Produkt eingesetzt werden soll, zu verschaffen und sich genau zu überlegen, wie man den Markteintritt bewerkstelligen möchte.

          Thema Datensicherheit

          Heilmittelwerbegesetz, Medizinproduktbestimmungen, Zertifizierung: Wie sieht es damit bei Minds Medical aus? „Unsere Software gilt als administratives Tool, insofern betrifft uns das nicht“, erklärt Lukas Naab. Ein wichtiges Thema, mit dem sich Minds Medical dennoch ausführlich auseinandersetzt: Datenschutzbestimmungen. „Da wir unsere Software in bestehende Systeme integrieren, liegt die Sicherheit der Daten beim Kunden“, sagt Naab.

          Inzwischen zählt Minds Medical acht Mitarbeiter, sie sind zwischen 19 und 36 Jahre alt, im Februar sind sie in das Büro in der Frankfurter Innenstadt gezogen. Auf das klassische 9-to-5-Modell legen Naab und Bay keinen Wert: „Ein Entwickler arbeitet zum Beispiel von Rumänien aus. Wir haben zwar feste Termine, aber daneben kann das Team sich die Zeit frei einteilen. Mir geht es darum, dass es die Firma weiterbringt.“ Vor kurzem hat Minds Medical den Frankfurter Gründerpreis gewonnen. Ob er in den vergangenen Jahren irgendwann einmal an dem Entschluss, eine Firma zu gründen, gezweifelt hat? „Nein“, sagt Lukas Naab. „Ich wollte als Kind Arzt werden. Jetzt verbessere ich auf andere Weise die Situation. Das treibt mich an.“ Trotz des unternehmerischen Risikos, der vielen Bestimmungen, der strukturell schwierigen Branche? „Ja, das Gesundheitswesen ist schwerfällig. Aber hier wird in den kommenden Jahren einiges passieren. Was Künstliche Intelligenz alles leisten kann, sowohl im Bereich Automatisierung als auch bei der Verbesserung der medizinischen Fähigkeiten – das ist der Kracher!“ Lukas Naab ist begeistert. „Es gibt noch viel zu tun.“

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