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Lehrstuhlnachfolge : Wie wird man Professor, Herr Professor?

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Dem wird wohl auch sein Würzburger Informatikkollege Latoschik zustimmen. Schon vor 20 Jahren hat er sich mit Themen in der Schnittmenge von Virtual beziehungsweise Augmented Reality und künstlicher Intelligenz beschäftigt. Damals konnten diese Gebiete in der Außenwahrnehmung viele ihrer hoch gesteckten Versprechungen noch nicht erfüllen. Das öffentliche Interesse war demnach begrenzt. Das hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt.

Das Geld für die neuen Professuren hat die Uni zum Teil wohl auch deswegen bekommen, weil Latoschik mit seinem Team von Anfang an nicht nur nach schnellen Erfolgen suchte, sondern auch langfristige Entwicklungen im Blick hatte. Seit wenigen Jahren sind die Themen künstliche Intelligenz und virtuelle Realität in Wissenschaft, Politik und Industrie nun ein Renner. „Gut dass wir damals nicht die Flinte ins Korn geworfen haben“, sagt Latoschik heute. Ein langer Atem macht sich in der Wissenschaft bezahlt.

Ich will Prof werden: Vollgas nach der Promotion

Wer nach seiner Promotion immer noch Lust auf eine akademische Laufbahn hat, sollte, so lautet der Rat vieler Professoren, sich dann auch voll reinknien. Denn nach dem Doktor beginnt eine äußerst spannende, aber auch schwierige Zeit: Der Post-Doc, eine mehrjährige Forschungsphase an Elite-Forschungseinrichtungen oder Universitäten weltweit. So ziemlich jeder Professor hat in dieser Zeit eine oder mehrere Stationen im Ausland absolviert. „Es war eine Zeit, in der ich sehr frei forschen konnte“, erinnert sich Luschnig. Aber sie sei auch nicht immer einfach gewesen: Seine Forschungsstipendien an der amerikanischen Universität Stanford musste er sich selbst organisieren. Gegen Ende der Post-Doc-Zeit stand das Bewerben auf feste Stellen als Wissenschaftler im Vordergrund. „Ich und viele meiner Kollegen haben sich zeitweise gestresst gefühlt“, erinnert sich Luschnig.

Doch der Forschungsaufenthalt im Ausland macht sich später bezahlt, peilt man eine Karriere als Professor an. Will man als Prof erfolgreich sein, kooperiert man mit Kollegen aus der ganzen Welt. Die Kontakte aus der Post-Doc-Phase machen sich dann bezahlt. 

Plan B in der Tasche

Darüber hinaus ist es wichtig, dass Jungforscher einen Plan B in der Tasche haben, falls es auf der akademischen Karriereleiter einmal nicht mehr weiter nach oben geht. In der Informatik ist das noch relativ einfach: Menschen mit ausgereiften Programmierkenntnissen werden in der Industrie zurzeit händeringend gesucht. Auch Ingenieure werden sicherlich bei einem Unternehmen fündig, sollte es nach der befristeten Anstellung als Post-Doc nicht mehr weitergehen. Für Grundlagenforscher in den Naturwissenschaften sieht es da schon etwas düsterer aus. Doch Biologie-Professor Luschnig empfiehlt angehenden Akademikern, sich ein Hintertürchen offen zu halten. „In ihrer Doktorarbeit können Jungwissenschaftler etwa eine Methode anwenden, die auch für die Industrie interessant ist“, sagt Luschnig.

Sobald man einige Jahre als Post-Doc gearbeitet oder eine Gruppenleiterstelle an einem Forschungsinstitut hat, heißt es, die Augen nach Professorenstellen offen zu halten. Man kann dann schon gut eingrenzen, welche Professuren überhaupt für einen selbst in Frage kommen. Manche Wissenschaftler, man hört diese Geschichte immer wieder, recherchieren sogar das Alter der Professoren, die derzeit auf diesen Lehrstühlen sitzen. Alles um den rechten Moment abzupassen.

Der ganze Aufwand mag übertrieben klingen. Dennoch gilt es, mehrere Jahre für die Lehrstuhlsuche einzuplanen, meint Bio-Professor Luschnig. „Ich habe mich über vier Jahre auf mehrere Professuren beworben“, sagt der Münsteraner Professor – längere Durststrecken inklusive: „In einem Jahr wurde keine Professur ausgeschrieben, die zu meinem Profil passte.“

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