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Lehrstuhlnachfolge : Wie wird man Professor, Herr Professor?

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Wie wird man Professor? Der Weg ist weit, bis man einen Lehrstuhl ergattert hat. Bild: ViktorCap/Thinkstock/Getty Images

Es gibt viele Doktoranden, doch nur wenige Lehrstühle. Professor zu werden, erscheint vielen Studenten daher als unerreichbares Ziel. Wer sich dennoch durchsetzen will, braucht Biss, Visionen und sollte sich schon während des Studiums darin üben, wie ein Professor zu arbeiten.

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          Marc Erich Latoschik hat es gut: Der Professor für Human-Computer-Interaction an der Universität Würzburg hat vom Land Bayern Geld für einen neuen Lehrstuhl bewilligt bekommen. Gleich zwei neue Professuren will die Universität zum kommenden Wintersemester besetzen. „Das ist eindeutig der Ausnahmefall“, sagt Latoschik. Höchstens eine von zehn ausgeschriebenen Professuren werde komplett neu eingerichtet, schätzt der Informatiker. Ansonsten werde nur dann ein Lehrstuhl frei, wenn ein altgedienter Professor abdanke. Für Latoschik, der den Auswahlkommissionen vorsitzen wird, beginnt nun ein monatelanger Prozess, an dessen Ende sich zwei Wissenschaftler über eine Beamtenstelle mit allem Drum und Dran freuen können.

          Die Besetzung eines Lehrstuhls ist in Deutschland ein seltenes Ereignis. Neue Professuren sind rar, bereits existierende Lehrstühle werden erst nachbesetzt, wenn ein Professor emeritiert, sprich in den Ruhestand geht. Im Jahr 2013 erreichten 67.117 Bewerbungen auf Professorenstellen die Briefkästen und E-Mail-Eingänge aller deutschen Universitäten und Fachhochschulen. Dem gegenüber standen nur 3.175 Berufungen von Wissenschaftlern an einen Lehrstuhl, das hat die „Gemeinsame Wissenschaftskonferenz“ (GWK), ein Zusammenschluss aus Wissenschafts- und Wirtschaftsministern von Bund und Ländern ermittelt. Nur jede 21. Bewerbung führte demnach zum Erfolg.

          Für Studenten scheint es daher schwer vorstellbar, sich eines Tages selbst Professor nennen zu können. Wer es dennoch schafft, hat oft einen langen, steinigen Weg hinter sich. Er hat sich eine Doktorandenstelle erkämpft, hat mit Auszeichnung promoviert, sich danach oft mehrere Jahre über Stipendien als Post-Doc an Universitäten weltweit selbst finanziert. Nebenbei muss er mit exzellenten Ergebnissen geforscht, mehrere Veröffentlichungen von großer akademischer Bedeutung vorweisen. Nicht zuletzt hat ein Professor bewiesen, dass er Forschungsgelder in Millionenhöhe einwerben kann. Da ist es schon fast das geringste Problem, sich zum Schluss mit den Besten der Besten in einer öffentlichen Vorlesung – dem sogenannten Vorsingen – vor Studenten, Professoren und einer Prüfungskommission messen zu müssen. Denn eine gute Lehrveranstaltung muss ein Professor eben auch noch halten können. „Eine Prüfungskommission testet Kandidaten wirklich auf Herz und Nieren“, weiß Latoschik. „Wenn sie jemanden beruft, haben schließlich zumindest einige der Professoren bis zu ihrem Lebensende mit dem neuen Kollegen zu tun.“

          Trotz dieser riesigen Hürden wollen viele Studenten an der Uni bleiben. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschulforschung (DZHW) plant etwa ein Viertel der Doktoranden aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und technischen Fächern eine Hochschullaufbahn. Und so aussichtslos es zunächst auch für viele von ihnen aussehen mag: Es gibt durchaus die Möglichkeit, sich auf die akademische Karriere vorzubereiten und letztlich seine Chancen zu verbessern. „Richtig gute Kandidaten können sich eine Professur aussuchen“, bestätigt Latoschik. „Sie haben gleich mehrere Angebote und können dementsprechend selbstbewusst auftreten.“ Wie aber kommt man als Student eines Tages in solch eine Position?

          Wie wird man Professor: Früh übt sich

          Wer schon im Studium Freude daran entwickelt, akademisch zu arbeiten, interessiert ist und geduldig vor sich hinforschen kann, ist prinzipiell tauglich für die Zukunft als Forscher. „Schon als Student sollte man daher anfangen, viele Paper zu lesen, und üben, selbst zu schreiben“, rät Stefan Luschnig, Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Der 45-jährige Biologe hat jüngst seine erste Professur am Münsteraner Exzellenz-Cluster „Cells in Motion“ angetreten und erforscht nun, unter welchen Umständen sich Gefäßstrukturen in Lebewesen verästeln. Er ist Professor auf Lebenszeit. Zwar veröffentlichen nur die wenigsten Studenten schon während ihrer Studentenzeiten eigene Paper, aber mit dem Startschuss einer Promotion sollte man mit dem Veröffentlichen beginnen, meint Luschnig. „Es braucht Zeit und viel Praxis, so schreiben zu können, dass ein Aufsatz später als akademische Veröffentlichung angenommen wird“, sagt der Biologe.

          Veröffentlichungen in Fachzeitschriften sind später das A und O, wenn man sich als Wissenschaftler auf eine Professur bewirbt. Der erste Schritt einer Auswahlkommission ist es oftmals, eine Rangliste der Bewerber anhand ihrer Veröffentlichungen zu erstellen. Nur wer dabei weit oben steht, wird überhaupt für den Lehrstuhl in Betracht kommen. Dabei zählt nicht unbedingt nur die Quantität. Es braucht auch nicht unbedingt eine Premium-Veröffentlichung in Magazinen wie Science und Nature, selbst wenn sich dieser Irrglaube hartnäckig hält. „Entscheidend sind Qualität und Originalität der Veröffentlichungen“, sagt Biologie-Professor Luschnig. Wer um die Ecke denkt und so seinem Forschungsfeld ganz neue Perspektiven eröffnet, hat gute Chancen, später einen Ruf an einen Lehrstuhl zu erhalten. Zudem sind laut Luschnig gerade die Publikationen von großer Bedeutung, die ein Wissenschaftler unabhängig veröffentlicht hat, sprich ohne Doktorvater, ohne Post-Doc-Mentorin in der Co-Autoren-Zeile.

          Eine frühzeitige Kür für Studenten ist es zudem, bereits im Studium das Schreiben von Anträgen für finanzielle Mittel zu üben. Dabei geht es oft noch nicht um Forschungsgelder, aber durchaus mal um ein Reise- oder Forschungsstipendium. „Für viele Studenten ist das sehr ungewohnt, doch als Professor wird das Einwerben später zur Hauptbeschäftigung“, sagt Luschnig. „Art und Höhe der Forschungsmittel, die man als Wissenschaftler zugesprochen bekommt, sind ebenfalls ein wichtiges Auswahlkriterium für Berufungskommissionen.“ So gibt es in jeder Disziplin einige prestigeträchtige Fördertöpfe. Wer dort erfolgreich war, schindet Eindruck bei Berufungskommissionen.

          Ausdauer zeigen

          Auch die Wahl des eigenen Forschungsgebiets kann einen großen Einfluss darauf haben, ob es später mit dem Ruf an einen Lehrstuhl klappt. Wer sich im Studium auf ein bereits weit verbreitetes Hype-Thema spezialisiert, wird sich später einem großem Wettbewerb mit sehr guten Wissenschaftlern aus aller Welt ausgesetzt sehen, sagt der Münsteraner Professor Luschnig. In der Biologie seien das etwa derzeit die Stammzellenforschung oder die Epigenetik. Klar, man könne auch auf diesen Gebieten immer noch großartige Neuerungen erzielen, sagt der Biologe. Doch der Leistungsdruck sei enorm. „Besser man ist davon überzeugt, dass das eigene Thema, an dem man forscht, in Zukunft stark an Relevanz gewinnen kann “, sagt Luschnig. „Viele bahnbrechenden Entdeckungen haben in der Biologie mit dem Interesse einiger weniger Forscher angefangen.“

          Dem wird wohl auch sein Würzburger Informatikkollege Latoschik zustimmen. Schon vor 20 Jahren hat er sich mit Themen in der Schnittmenge von Virtual beziehungsweise Augmented Reality und künstlicher Intelligenz beschäftigt. Damals konnten diese Gebiete in der Außenwahrnehmung viele ihrer hoch gesteckten Versprechungen noch nicht erfüllen. Das öffentliche Interesse war demnach begrenzt. Das hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt.

          Das Geld für die neuen Professuren hat die Uni zum Teil wohl auch deswegen bekommen, weil Latoschik mit seinem Team von Anfang an nicht nur nach schnellen Erfolgen suchte, sondern auch langfristige Entwicklungen im Blick hatte. Seit wenigen Jahren sind die Themen künstliche Intelligenz und virtuelle Realität in Wissenschaft, Politik und Industrie nun ein Renner. „Gut dass wir damals nicht die Flinte ins Korn geworfen haben“, sagt Latoschik heute. Ein langer Atem macht sich in der Wissenschaft bezahlt.

          Ich will Prof werden: Vollgas nach der Promotion

          Wer nach seiner Promotion immer noch Lust auf eine akademische Laufbahn hat, sollte, so lautet der Rat vieler Professoren, sich dann auch voll reinknien. Denn nach dem Doktor beginnt eine äußerst spannende, aber auch schwierige Zeit: Der Post-Doc, eine mehrjährige Forschungsphase an Elite-Forschungseinrichtungen oder Universitäten weltweit. So ziemlich jeder Professor hat in dieser Zeit eine oder mehrere Stationen im Ausland absolviert. „Es war eine Zeit, in der ich sehr frei forschen konnte“, erinnert sich Luschnig. Aber sie sei auch nicht immer einfach gewesen: Seine Forschungsstipendien an der amerikanischen Universität Stanford musste er sich selbst organisieren. Gegen Ende der Post-Doc-Zeit stand das Bewerben auf feste Stellen als Wissenschaftler im Vordergrund. „Ich und viele meiner Kollegen haben sich zeitweise gestresst gefühlt“, erinnert sich Luschnig.

          Doch der Forschungsaufenthalt im Ausland macht sich später bezahlt, peilt man eine Karriere als Professor an. Will man als Prof erfolgreich sein, kooperiert man mit Kollegen aus der ganzen Welt. Die Kontakte aus der Post-Doc-Phase machen sich dann bezahlt. 

          Plan B in der Tasche

          Darüber hinaus ist es wichtig, dass Jungforscher einen Plan B in der Tasche haben, falls es auf der akademischen Karriereleiter einmal nicht mehr weiter nach oben geht. In der Informatik ist das noch relativ einfach: Menschen mit ausgereiften Programmierkenntnissen werden in der Industrie zurzeit händeringend gesucht. Auch Ingenieure werden sicherlich bei einem Unternehmen fündig, sollte es nach der befristeten Anstellung als Post-Doc nicht mehr weitergehen. Für Grundlagenforscher in den Naturwissenschaften sieht es da schon etwas düsterer aus. Doch Biologie-Professor Luschnig empfiehlt angehenden Akademikern, sich ein Hintertürchen offen zu halten. „In ihrer Doktorarbeit können Jungwissenschaftler etwa eine Methode anwenden, die auch für die Industrie interessant ist“, sagt Luschnig.

          Sobald man einige Jahre als Post-Doc gearbeitet oder eine Gruppenleiterstelle an einem Forschungsinstitut hat, heißt es, die Augen nach Professorenstellen offen zu halten. Man kann dann schon gut eingrenzen, welche Professuren überhaupt für einen selbst in Frage kommen. Manche Wissenschaftler, man hört diese Geschichte immer wieder, recherchieren sogar das Alter der Professoren, die derzeit auf diesen Lehrstühlen sitzen. Alles um den rechten Moment abzupassen.

          Der ganze Aufwand mag übertrieben klingen. Dennoch gilt es, mehrere Jahre für die Lehrstuhlsuche einzuplanen, meint Bio-Professor Luschnig. „Ich habe mich über vier Jahre auf mehrere Professuren beworben“, sagt der Münsteraner Professor – längere Durststrecken inklusive: „In einem Jahr wurde keine Professur ausgeschrieben, die zu meinem Profil passte.“

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